Prof. Fritz Oser: Aus Fehlern (nicht) lernen – Auftakt der Ringvorlesung findet regen Anklang

Am Donnerstag, den 19.10.2017, konnte mit dem Vortrag des in der bildungswissenschaftlichen Forschung hochdotierten Prof. Dr. Dr. Fritz Oser der Universität Fribourg bereits der zweite Zyklus der erfolgreichen Ringvorlesungsreihe „Lehr- und Lernperspektiven“ des Freiburger Advanced Center of Education (FACE) eröffnet werden. Der gut besuchte Beitrag stand unter dem Titel „Aus Fehlern (nicht) lernen – Über die Funktion des Falschen und die Fehlerkultur in der Schule“.

Zuvor richtete Frau Orth-Dobler – stellvertretend für das Regierungspräsidium Freiburg – begrüßende Worte an die Besucherinnen und Besucher der Eröffnungsveranstaltung der diesjährigen Ringvorlesung. Bereits in der ersten Ringvorlesungsreihe kooperierte das Praxiskolleg mit dem Regierungspräsidium Freiburg in der Ausschreibung der Veranstaltungen für die Lehrkräfte. Lobend hob sie in ihrem Grußwort hervor, dass es dem  Praxiskolleg FACE tatsächlich gelingt, Qualifizierungsmaßnahmen der Fachberater*innen Unterrichtsentwicklung zu unterstützen und die Diskussion aller an der Ausbildung Interessierten zu erleichtern. Hierbei finde der Titel der Ringvorlesung seine Verwirklichung. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden vor Ort abgeglichen, Chancen und Grenzen relevanter Themen für Schule und Unterricht diskutiert und Lehrkräfte und Schulleitungen, aber auch Dozierende in einem Ausbildungsnetzwerk miteinander verbunden. Heterogenität gelingend zu gestalten, wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Erfahrungen zu verbinden und nicht zuletzt die Vermittlung von Wissen werden auch zukünftig große Herausforderungen, aber auch Chancen für die Schul- und Unterrichtslandschaft bereithalten. Die Fortsetzung der Kooperation zwischen den Institutionen ist hierbei gewinnbringend.

Prof. Dr. Wolfgang Hochbruck bedankte sich im Namen des Leitungstandems des Praxiskollegs für die Kooperation und stellte den Referenten des Abends und dessen Arbeitsgebiete vor.

Prof. Dr. Dr. Oser nahm in seinem Vortrag zunächst eine Differenzierung verschiedener Fehler-Typen vor. Wichtig sei es, nicht zu glauben, dass Fehler einfach zuzulassen oder gar zu bewundern seien, das sei „Fehler-Kitsch“, Vielmehr sei der Fehler eine Gelegenheit das Richtige zu erarbeiten und zu erkennen. Das erste Gesetz ist, dass man Fehler verhindert, und wenn man sie macht, dass man daraus lernt, sie zu vermeiden. Es müsse erkannt werden, dass die Funktion des Falschen einerseits eben seine Vermeidung und andererseits zugleich eine Stärkung und Sicherung des Richtigen bedeute. Der produktive Umgang mit Fehlern sei maßgebend. Für den Unterricht sei es überdies wichtig, das Verstehen und die Analyse, nicht aber eine beschämende Bewertung des Fehlers in den Vordergrund zu stellen. Allgemein sei die Schule ein Ort, an dem Fehler konstitutiv seien und zum Erwerb negativen Wissens genutzt werden könnten. Als negatives Wissen bezeichnet Prof. Dr. Dr. Oser jenes Wissen, das als Ergebnis eines Lernvorgangs betrachtet werden kann, bei dem die episodische Erinnerung an das Falsche dessen Wiederholung verhindert und zugleich das Richtige gegenspiegelt. Ein subtiler Umgang mit Fehlern bei Schülerinnen und Schülern führe zu einem spezifischen nicht nur positiven, sondern auch zu einem negativen Wissenszuwachs, der ihnen bei der Vermeidung zukünftiger Fehler helfe und zugleich das Richtige, Funktionelle und Wahre stütze. Durch Lernen aus Fehlern von anderen (advokatorisches, negatives Lernen) sei nicht bloß unsere Kultur in Romanen, Filmen, Tatsachenberichten etc. sondern auch die gesellschaftlich gültige Moral entstanden.  Die Lösungsfindung, so der Appel Osers, sollte vor allem im schulischen Kontext als Prozess betrachtet werden, der einen konstruktiven Einbau in bestehende Wissensstrukturen ermögliche. Dabei arbeitete Prof. Oser acht Punkte heraus, die sich als hilfreich erweisen können. Nebst der Fehlerdetektion, ist das Zeitnehmen für den Umgang mit Fehlern maßgeblich. Zudem sollen Fehler im Unterricht in einer Weise öffentlich gemacht werden, die den Lernenden nicht bloßzustellt sondern positiv begleitet. Damit die Lernenden profitieren können, sind das Kontrastieren und die Begründung von Kontrastierungen einzubinden. Des Weiteren folgt der Aufbau von Gedächtnisstützen, Repetitionsmöglichkeiten und Kontrolle (im Sinne der Prüfung des Richtigen), um mit der Zeit ein positives Bewertungssystem zu schaffen.

In der sich anschließenden Diskussion konnten die rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam mit dem Referenten die Ergebnisse seiner Forschungen mit den Praxiserfahrungen verknüpfen. Die Diskussion beschäftigte sich vor allem mit der Sinnhaftigkeit von Fehlersimulatoren im Unterricht. Prof. Oser verdeutlichte aber, dass Simulatoren dort Sinn machten, wo Abläufe im Mittelpunkt stehen, wie etwa im Sport- oder im Mathematik-Unterricht. Das künstliche Schaffen von Fehlersituationen hingegen seien – so würden empirische  Befunde zeigen – nicht erfolgreich.

Schülerinnen und Schüler müssten eine Art „Sense of failure“ entwickeln, eine Art Gespür dafür, was in der Situation prozessual, sachlich, strategisch oder konzeptionell falsch sei. Das ist die eine Seite. Auf der andern würde eine Konzentration auf Fehler allein hingegen jede Motivation zerschmettern. In diesem Kontext wurde auch nochmals über die Funktionalität von Beschämen diskutiert. Professor Oser stellte hierbei deutlich heraus, dass Strenge die sachliche Einsicht und der Durchgang vom Falschen zum Richtigen nicht zur Demütigung führen müsse.

Insgesamt vermittelte Prof. Dr. Dr. Oser das Thema sehr lebendig und anschaulich, sodass man sehr schnell einen Zugang zu den wissenschaftlichen Ergebnissen erlangen konnte.

Das Team des Praxiskollegs und interessierte Gäste hatten vor dem Vortrag von Prof. Dr. Dr. Oser die Gelegenheit, im Rahmen eines vorhergehenden Meet-the-Expert-Treffens von der Expertise des honorierten Schweizer Erziehungswissenschaftlers zu profitieren und durch den gemeinsamen Austausch fruchtbare Erkenntnisse für das eigene Projekt zu gewinnen.

(Christina Metzger, Ulrike Dreher, Martina von Gehlen, Prof. Oser)

 

Videomitschnitt

Hier finden Sie den Mitschnitt des Vortrages von Prof. Dr. Dr. Oser:

Ringvorlesung 2017/18: „Aus Fehlern (nicht) lernen – Über die Funktion des Falschen und die Fehlerkultur in der Schule.“ – Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Fritz Oser (em.)