Verstaubte Klassiker im Englischunterricht? Das muss nicht sein!

Lehrveranstaltung: Classroom classics reloaded

M1 Lehrprojekte - Anglistik

In deutschen Schulen und Hochschulen geht das Schreckgespenst des Klassikers um: Mit dem Aufkommen der Cultural Studies, der (Wieder-)Entdeckung postkolonialer Literatur(en) und der Gender Studies sind lange vernachlässigte Texte zu Recht in den Blick der Forschung geraten. Nicht selten ging dies mit harscher Kritik am althergebrachten Kanon der white, dead, English authors einher, deren Texte stetig weniger im Lehrangebot vertreten sind.

Das Proseminar für Lehramtsstudierende nach dem Praxissemester nimmt sich zum Ziel, diese „Klassiker“ einer Neubewertung zu unterziehen: Haben sie ihren Lesern heute noch etwas zu sagen? Warum sollten sie möglicherweise nicht ganz verdrängt werden? Welchen Raum sollen und können Literaturklassiker im modernen Englischunterricht der Sekundarstufen einnehmen? Ausgesprochenes Ziel des Seminars ist es, das Kohärenzerleben der Studierenden zu stärken, d. h. die konkreten Verbindungslinien aufzuzeigen zwischen fachwissenschaftlichen Inhalten des Studiums und Handlungskompetenz bei der Unterrichtsplanung. Die Studierenden im Hauptstudium sind mit der ersten schulischen Praxisphase und fachdidaktischen Inhalten bereits für Fragestellungen der jeweiligen Fachdisziplinen (Literaturwissenschaft und Fachdidaktik) sensibilisiert.

Elementar und zentral für die Steigerung der Kohärenz sind die Rückgriffe auf zentrale fachdidaktische und -wissenschaftliche Methoden sowie deren Integration anhand von konkreten Lernaufgaben aus dem Unterrichtsalltag.

Beschreibung der Veranstaltung

Bewertung

Weiterführende / vertiefende Informationen

 

Beschreibung der Veranstaltung

Konzeptionelle Basis

Der methodische Zugriff auf die Fragestellungen wird im Wesentlichen durch das „Four-Component-Instructional-Design“-Modell (kurz: 4C/ID, Jeroen van Merriënboer) bestimmt. Im Zentrum dieser Herangehensweise steht der Erwerb von Handlungswissen, indem konkrete berufsbezogene Lernaufgaben bearbeitet werden. In diesen Aufgaben geht es darum, die Integration von Lernzielen und Teilkompetenzen einzuüben und einem Übertragungsparadoxon (theoretische Einsichten werden nicht auf die praktische Anwendung übertragen) in die Realität des Englischunterrichts vorzubeugen. Die Studierenden sehen sich also mit stets wechselnden literarischen Klassikern konfrontiert, die mit curricularen Vorgaben in Einklang zu bringen sind (etwa: Wie lassen sich mit dem gegebenen Text interkulturelle kommunikative Kompetenzen im schulischen Englischunterricht fördern?). In diesen Lernaufgaben tritt der Zusammenhang von Fachdidaktik und Fachwissenschaften deutlich hervor: Bevor Texte nach ihrem didaktischen Mehrwert befragt werden können, müssen sie literaturwissenschaftlich analysiert werden.

 

Zu erzielende Kompetenzen

Die Studierenden können …

  • Argumente der Kanondiskussion erklären und den Diskurs auf den fremdsprachlichen Literaturunterricht beziehen;
  • ihr vorhandenes fachwissenschaftliches Wissen anwenden, um fiktionale Texte für den Englischunterricht auszuwählen;
  • ihr vorhandenes fachwissenschaftliches Wissen anwenden, um didaktisch zu reduzieren;
  • das Potenzial fiktionaler Texte für den Englischunterricht beschreiben und mit curricularen Vorgaben begründen;
  • Lernziele für den Literaturunterricht formulieren und begründen;
  • geeignete Methoden zur Lernzielerreichung auswählen, anwenden und bewerten.

Zielgruppe

Die Studierenden haben fast alle bereits durch das obligatorische Praxissemester erste Erfahrungen oder Eindrücke von Literaturunterricht am Gymnasium sammeln können. Die Lerngruppe hat durch den Grundlagenkurs Fachdidaktik I und die korrespondierenden fachdidaktischen Begleitseminare parallel zum Praxissemester bereits ein Basiswissen in fachdidaktischen Fragestellungen. Durch das fortgeschrittene Studium sind die Lernenden ebenfalls gut mit den Arbeitsweisen der Literatur- und Kulturwissenschaft vertraut. Viele belegen beispielsweise im gleichen Semester Hauptseminare oder schreiben gar schon an ihrer Zulassungsarbeit zum Ersten Staatsexamen. Einige der Teilnehmenden belegen den Kus nicht mit der Absicht des ECTS-Punkte-Erwerbs, sondern aus der Überzeugung heraus, die Seminarinhalte für das Referendariat nutzen zu können.

Durchführung

Aus der Überzeugung heraus, dass ein besserer Lernerfolg dann gegeben ist, wenn die Studierenden mit authentischen Lernaufgaben konfrontiert sind, erwächst die Herausforderung, einzelne Kompetenzen nicht isoliert einzuüben bzw. anzulegen, sondern stets das Ganze, d. h. die komplexen Lernziele, im Blick zu behalten.

Für die wöchentlichen Seminarsitzungen sind in der ersten Semesterhälfte deshalb immer Lernaufgaben vorgegeben, die zwar in ihrer ganzen Komplexität erkennbar sind, allerdings jeweils wechselnde Teilkompetenzen besonders in den Blick nehmen. Diese erste Phase zeichnet sich durch ein hohes Unterstützungsangebot aus (etwa die Bewertung fertiger Unterrichtsvorschläge), um die neuen Kompetenzen handhabbarer zu machen. Die konkreten Kompetenzen in diesem Proseminar beziehen sich auf die Planung von Englischunterricht mit Literaturklassikern, d. h. die Studierenden lernen fachwissenschaftlich, didaktisch und methodisch das gegebene Material zu analysieren und aus ihren Analyse-Ergebnissen Schlussfolgerungen für die Planung des Unterrichts zu ziehen und Planungsvorschläge zu begründen.

Um überhaupt Analysekompetenz ausbilden zu können, rückt zunächst die Frage in den Mittelpunkt, welche Diskurse allgemein Unterrichtsinhalte bestimmen können (z. B. fachinterne, bildungspolitische, persönliche Präferenzen) und welche Determinanten letztlich ausschlaggebend sind (Einsichten der fachdidaktischen Forschung, curriculare Vorgaben z. B. auf Länderebene). So kann etwa aus der Gesamtbetrachtung aktueller Kursstufenlehrwerke zur Überraschung vieler Teilnehmer die Omnipräsenz von Shakespeares Werken ermittelt werden und nachverfolgt werden, welche fachwissenschaftlichen, didaktischen und methodischen Schwerpunkte bei der Lehrwerksgestaltung eine tragende Rolle gespielt haben müssen. Die Struktur der auf diesen Einstieg folgenden Seminarsitzungen ist somit vorgezeichnet: Im Sinne des 4C/ID-Modells müssen nun Problemlösekompetenz in dieser Lerndomäne (modernen Englischunterricht mit Literaturklassikern entwickeln) erworben werden.

Anhand wechselnder Genres, Texte und Autoren werden diese Kompetenzen in Lernaufgaben eingeübt. Vorbereitend auf die Sitzungen werten die Studierenden die zur Verfügung gestellten Materialien (fiktionale Primärtexte und wissenschaftliche Fachartikel) nach Leitfragen aus und werden dann in den Seminarsitzungen mit weiterführenden Lernaufgaben konfrontiert (z. B. korrekte Durchführung handlungs- und produktionsorientierter Aufgaben im Zusammenhang mit narrativen Texten). Diese Lernaufgaben werden in enger Abstimmung mit der Lehrperson von Referatskleingruppen selbst erstellt und dann in Gruppen- oder Partnerarbeit mit den Teilnehmenden durchgeführt.

Dieses methodische Setup erlaubt im Sinne des 4C/ID-Modells einerseits den ganz konkreten Fokus auf die fachdidaktischen und fachwissenschaftlichen Prozeduren (beispielsweise: Welche Unterrichtseinstiege eignen sich im Literaturunterricht? Welche narrativen Besonderheiten weist der gegebene Primärtext auf? Welche möglichen Probleme ergeben sich daraus für die Gestaltung von Arbeitsaufträgen für meine Schülerinnen und Schüler?). Andererseits rücken Herausforderungen in den Mittelpunkt, die im Kontext der komplexen Lernaufgabe einen hohen Grad an Automatisierung erfordern. Das 4C/ID-Modell spricht hier von „part-task practice“. Als beispielhaft können etwa Fragen der Gesprächsführung, des „classroom management“ oder der Fehlerkorrektur gelten, die allesamt keinesfalls als trivial einzustufen sind, aber im Horizont der Unterrichtsplanung und -durchführung hochfrequent geübt werden müssen.

In der zweiten Phase des Semesters erfolgt schrittweise der Abbau von Unterstützungsstrukturen, d. h. die Anforderungen an die komplexen Handlungsabläufe zur Lösung von Lernaufgaben nimmt stetig zu.  Variation bezüglich der Lernaufgaben ergibt sich etwa im Hinblick auf die fokussierten Klassenstufen, für die Unterricht zu entwickeln ist, oder der Umgang mit besonderen Textgenres (z. B. didaktisierte „reader“) und den Anforderungen an interkulturell-kommunikativ orientierten Englischunterricht.

Überprüfung des Lernerfolgs

Die Prüfungsordnung sieht für den unterrichteten Seminartypus obligatorisch eine mündliche Prüfung als Leistungsmessung vor. Diese wurde als Präsentationseinzelprüfung durchgeführt, in der die Studierenden die erworbenen Kompetenzen auf einen seminarfremden „classroom classics“-Text anwenden. Sie präsentierten fachwissenschaftliche, didaktische und methodische Analyse-Ergebnisse und ließen diese in Unterrichtsvorschläge und -materialien einmünden, welche sie verteidigen.

Rolle und Aufgaben des Lehrenden

Die Rolle des Lehrenden besteht darin, die Lernaufgaben gemäß den Lernzielen zu konzipieren bzw. im weiteren Verlauf des Seminars den Studierenden Hilfestellung bei der Konzeption von Lernaufgaben zu geben. In den einzelnen Lehrveranstaltungen kommt es dem Lehrenden zu, die Sitzungen zu moderieren, Arbeitsphasen unterstützend zu begleiten, Seminardiskussionen zu initiieren, zu lenken und abzuschließen. Schließlich ist es die Aufgabe des Lehrenden, die mündliche Prüfung zu verantworten und durchzuführen.

Rolle und Aufgaben des/der Studierenden

Es kommt den Studierenden zu, sich auf die Lernaufgaben einzulassen und die vorbereitenden Aufgaben zu bearbeiten. Sie müssen ebenfalls einzelne Seminarphasen durch Erstellung von Lernaufgaben mitgestalten. Für die mündliche Prüfung müssen die Studierenden passende Materialien auswählen, erstellen und verteidigen.

Besonderheiten

Die Einschränkung durch die Prüfungsordnung auf eine festgelegte Prüfungsform lässt andere geeignete Leistungsfeststellungsformate nicht zu. So sind Formate, die den Prozesscharakter des Lernens betonen, besonders geeignet, um den Kompetenzzuwachs besser erlebbar zu machen: Zu denken wäre an Lerntagebücher oder Portfolios.

 

Bewertung

Chancen

Der Seminartyp „Proseminar mit Unterrichtsbezug“ bietet die willkommene Chance, vertieft Fachwissenschaft und Fachdidaktik aufeinander zu beziehen, indem ein fachliches Feld mit den Methoden der anderen Disziplin erarbeitet wird. Das Kohärenzerleben wird gestärkt. Für die Studierenden steht der Professionsbezug im Vordergrund, was ganz automatisch eine hohe intrinsische Motivation zur Folge hat.

Rückmeldung / Evaluation

Studierende schätzen die Tatsache, dass der Dozent als abgeordneter Lehrer aus der Praxis stammt und die unterrichtliche Anwendbarkeit im Fokus steht; Bezüge zum Referendariat und zur Berufsrealität sind laut Aussage der Studierenden gegeben. Sie schätzen ebenfalls den Aufbau des Kurses, da sie ihn als nachvollziehbar und inhaltlich sehr gut strukturiert wahrnehmen. Sie sind zudem von der Auswahl der behandelten Konzepte überzeugt und schätzen die Tatsache, dass die übergeordneten Lernziele durchweg im Blick sind. (Zusammenfassung von schriftlichen Studierendenrückmeldungen)

Resümee

Das intensive Studium der Fachinhalte wird besonders dann als sinnvoll erlebt, wenn der Professionsbezug durch eine kohärent strukturierte Lehre erfahrbar wird.

 

Weiterführende / vertiefende Informationen

Quellen / Literatur

Gehring, Wolfgang. Praxis Planung Englischunterricht. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 2015

Merriënboer, J. J. G. van; Kirschner, P. A. Ten Steps to Complex Learning: A Systematic Approach to Four-Component Instructional Design. New York, London: Routledge, 2013.

Ansprechpartner

Andreas Redl, StR

Englisches Seminar der Universität Freiburg

andreas.redl@anglistik.uni-freiburg.de

Tel. +49 761 203 3319