Prof. Dr. Hans Anand Pant: Lehrkräftekooperation – Anspruch und Wirklichkeit

Ringvorlesung „Lehr- und Lernperspektiven“ des Praxiskollegs am 29.01.2018

Am fünften Abend der Ringvorlesung des FACE-Praxiskollegs im Wintersemester 2017/18 referierte Prof. Dr. Hans Anand Pant (Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Geschäftsführer der Deutschen Schulakademie) zum Thema „Lehrkräftekooperation – Anspruch und Wirklichkeit“.

Prof. Dr. Pant erläuterte zu Beginn seines Vortrags die Bedeutung von Lehrkräftekooperationen als ein unverzichtbares Merkmal der Prozessqualität von Schule und ein wichtiger Professionsaspekt von Lehrer*innen. Trotz der offensichtlichen Bedeutsamkeit, liegen bisher allerdings kaum empirische Forschungsergebnisse zu Lehrkräftekooperation vor.

Die von der OECD durchgeführte internationale Vergleichsstudie TALIS untersucht unter anderem, wie die Zusammenarbeit zwischen pädagogischen Kräften an Schulen umgesetzt wird. Die Studie wurde erstmals 2008 durchgeführt. Eine zweite Erhebung war 2013 und für 2018 haben sich 47 Länder zur Teilnahme bereiterklärt. Deutschland beteiligt sich leider nicht, evtl. um keinen neuen Handlungsdruck auf die deutsche Bildungspolitik auszuüben, mutmaßte Prof. Dr. Pant.

Im Folgenden gab Prof. Dr. Pant einen Überblick über das TALIS-Rahmenkonzept: Kooperation wird hier als Austausch und Koordination zwischen Lehrkräften verstanden und zählt zu den Teacher’s professional activities. Durch Lehrkräftekooperation kann das eigene fachliche und fachdidaktische Repertoire erweitert werden, was positive Auswirkungen auf die adaptive Lehrkompetenz hat. Effekte dieses komplexen Wirkmechanismus auf die Schülerleistungen sind aktuell empirisch noch nicht geklärt. Allerdings wurden positive Auswirkungen auf die Gesundheit der Lehrer*innen nachgewiesen.

Anknüpfend an die Präsentation der TALIS-Studie stellte Prof. Dr. Pant eine Studie vor, die er zusammen mit Prof. Dr. Dirk Richter von der Universität Potsdam im Herbst 2015 durchgeführt hat.1 Bei der Untersuchung wurden bundesweit Lehrkräfte und (stellvertretende) Schulleiter*innen der Sekundarstufe 1 computergestützt zum Thema Lehrkräftekooperation befragt. Ein Vergleich der Ergebnisse dieser Studie mit Daten aus TALIS zeigte, dass deutsche Lehrkräfte im internationalen Vergleich verhältnismäßig häufig Lehr- und Unterrichtsmaterial austauschten, jedoch beispielsweise signifikant weniger oft an gemeinsamen Fortbildungen teilnehmen würden. Der Datenvergleich machte deutlich, dass Deutschland, im Vergleich zu anderen Ländern, einige Kooperationsaktivitäten weniger stark ausübt, woraus Handlungsnotwendigkeiten abgeleitet werden können.

Prof. Dr. Pant stellte dar, dass Kooperation auf drei Niveaustufen stattfinden könne: Austausch, Arbeitsteilung und Ko-Konstruktion. Die Daten der TALIS-Studie bestätigen, dass häufige Ko-Konstruktion positiv mit dem Selbstwirksamkeitserleben und der Arbeitszufriedenheit von Lehrkräften korreliert. Auch die Daten der Studie von Pant und Richter zeigen einen Zusammenhang zwischen Ko-Konstruktion und Persönlichkeitsmerkmalen wie Selbstwirksamkeit und Berufszufriedenheit. Die Ergebnisse verdeutlichen aber auch, dass diese Art der Kooperation eher selten von deutschen Lehrer*innen praktiziert wird. Prof. Dr. Pant stellte daraufhin anhand ausgewählter Daten seiner Studie dar, dass das Maß an Ko-Kooperation offensichtlich von bestimmten Rahmenbedingungen, wie Zeit und Unterstützung durch die Schulleitung, beeinflusst ist. Wie solche Rahmenbedingungen verändert werden können, um Lehrkräftekooperation zu verbessern, verdeutlichte er exemplarisch anhand von Konzepten ausgewählter Schulen. Abschließend präsentierte er die Schlussfolgerungen, die aus den Ergebnissen seiner Studie gezogen werden können. Darunter zählen zum Beispiel, dass die Kooperationszeit als fester Bestandteil der Arbeitszeit in den Schulalltag integriert werden müsse und dass Kooperation in multiprofessionellen Teams gestärkt werden müsse. Prof. Dr. Pant beendete seinen Vortrag mit einem Zitat von Vangrieken et al. (2005, S.36)2:

„Not collaborating is no longer an option“.

In der sich anschließenden Diskussionsrunde konnten die Teilnehmer*innen gemeinsam mit dem Referenten die Ergebnisse der vorgestellten Forschungen mit eigenen Praxiserfahrungen verknüpfen. Eine zentrale Frage war, wie Kooperation an der eigenen Schule ausgebaut werden könne. Ein Teilnehmer stellte die These auf, dass mehr „Zwang“, beispielsweise durch verbindliche Treffen, eine nachhaltige Kooperation unter pädagogischen Kräften unterstützen könne. Prof. Dr. Pant wies darauf hin, dass ein solcher top-down-Prozess stets mit Nebenwirkungen einhergehe und Schulentwicklung wirksamer sei, wenn sie als Eigeninitiative von den Lehrkräften ausgehe. Ein weiterer Teilnehmer stellte heraus, dass äußere Rahmenbedingungen, z.B. Besprechungsräume für Lehrkräfte und unterstützende, strukturierte Kooperationsanleitungen sowie Plattformen zum Austausch, die Zusammenarbeit fördern könnten. Die Schulleitung habe, wie Prof. Dr. Pant daraufhin hinzufügte, zudem eine zentrale Rolle, da sie wichtige Entscheidungen treffe und Einfluss auf die Motivation der Lehrer*innen in Bezug auf Kooperation habe.

Prof. Dr. Pant veranschaulichte in seinem Vortrag sehr deutlich, dass Lehrkräftekooperation in Deutschland weiterer Forschung bedarf und dass Unterstützungssysteme nötig sind, um Schulen beim Ausbau ihrer Kooperationsstrukturen zu helfen.

Am Meet-the-Expert-Treffen vor der Ringvorlesung nahmen diesmal Studierende, Lehrkräfte verschiedener Schularten von Hochschulpartnerschulen sowie ein Promovend teil. Das einstündige Treffen diente dem persönlichen Austausch von aktuellen Fragen in der Aus- und Fortbildung und im Schulalltag, die auch über das Thema der Kooperation hinausgingen.

(Helen Berger, Dr. Martina von Gehlen)

 

Quellen

1 Richter, D. & Pant, H.A. (2016): Lehrerkooperationen in Deutschland. Eine Studie zu kooperativen Arbeitsbeziehungen bei Lehrkräften der Sekundarstufe I. Deutsche Telekom Stiftung, Robert Bosch Stiftung, Bertelsmann Stiftung und Stiftung Mercator.

2 Vangrieken, K.; Dochy, F.; Raes, E. & Kyndt, E. (2015): Teacher collaboration: A systematic review. Eudcational Research Review 15 (2015), 17-40.

 

Videomitschnitt

Hier finden Sie den Videomitschnitt des Vortrages von Prof. Dr. Pant:

 

Weitere Informationen

Überblick über weitere Termine der Ringvorlesung

Bericht und Video zum ersten Vortrag der Ringvorlesungsreihe:
„Prof. Fritz Oser: Aus Fehlern (nicht) lernen – Auftakt der Ringvorlesung findet regen Anklang“

Bericht und Video zum zweiten Vortrag der Ringvorlesungsreihe:
„Pfarrer Gerhard Ziener: Bildungsstandards, Kompetenzen und Kompetenzorientierung: Alter Wein in neuen Schläuchen?“

Bericht zum dritten Vortrag der Ringvorlesungsreihe:
„Jun.-Prof. Dr. Katja Scharenberg: Macht die Klasse einen Unterschied? – Effekte sozialer, kultureller und leistungsbezogener Heterogenität“

Bericht und Video zum vierten Vortrag der Ringvorlesungsreihe:
„Dr. Elisabeth Wegner: Metaphern des Lernens in unterschiedlichen Schulformen und Altersstufen“