Jun.-Prof. Dr. Katja Scharenberg: Macht die Klasse einen Unterschied? – Effekte sozialer, kultureller und leistungsbezogener Heterogenität

Ringvorlesung „Lehr- und Lernperspektiven“ des Praxiskollegs am 30.11.2017

Am dritten Abend der Ringvorlesung des FACE-Praxiskollegs im Wintersemester 2017/18 widmete sich die Freiburger Junior-Professorin Dr. Katja Scharenberg, Pädagogische Hochschule Freiburg, der Frage, ob die Zusammensetzung von Schulklassen für den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern ausschlaggebend ist. Wirken sich heterogene oder homogene Schulklassen günstiger auf das Lernen aus? Und inwiefern hängen solche gegebenenfalls nachweisbaren Heterogenitätseffekte von anderen Schulklassenmerkmalen und der Schulformzugehörigkeit ab? Dies sind nur zwei der brisanten Aspekte, die mit der Frage nach der Bedeutung der unmittelbaren Lernumwelt für die Leistungsentwicklung von Schülerinnen und Schülern fast unweigerlich zusammenhängen.

Frau Jun.-Prof. Dr. Scharenberg begann ihren Vortrag zunächst mit der Darlegung der Ausgangslage und dem Forschungsbedarf: Ob heterogene oder homogene Schulklassen für das schulische Lernen geeigneter sind, ist nach aktuellem Forschungsstand noch nicht eindeutig geklärt. Heterogenität im schulischen Alltag spiegelt sich im Alter, Geschlecht, der sozialen und kulturellen Herkunft und nicht zuletzt in den schulischen Leistungen und kognitiven Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern wider und ist daher alltägliche Realität im Klassenzimmer. Eine Vielzahl an Homogenisierungsmechanismen sowie die „Sehnsucht nach der homogenen Lerngruppe“ waren jedoch traditionell kennzeichnend für das deutsche Schulsystem. In einigen älteren Lehrkräftebefragungen wurde die Heterogenität der Schülerschaft auch als Berufserschwernis genannt. Inwiefern die objektiv gegebene Heterogenität der Schülerschaft in Zusammenhang mit schulischen Leistungen steht und ob alle Schülerinnen und Schüler von heterogenen Klassen profitieren können, wurde bislang jedoch kaum empirisch untersucht.

Ausgewählte quantitative Forschungsbefunde der Hamburger KESS-Studie, die von Frau Jun.- Prof. Dr. Scharenberg vorgestellt wurden, zeigen, dass leistungsheterogene Schulklassen zu Beginn der Sekundarstufe einen minimalen Entwicklungsvorteil gegenüber jenen Klassen aufweisen, in denen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler alle vergleichsweise nahe beieinander liegen. Umgekehrt bedeutet dies auch, dass der Besuch heterogener Schulklassen nicht von Nachteil ist. Die weitaus bedeutsameren Prädikatoren für die Leistungsentwicklung seien jedoch das individuelle Lernausgangsniveau und die besuchte Schulform. Zudem erwies sich der Heterogenitätseffekt als stark konfundiert mit weiteren Merkmalen der Schülerzusammensetzung und Schulformzugehörigkeit. Es zeigte sich jedoch, dass vor allem die schwächsten Schülerinnen und Schüler in leistungsheterogenen Schulklassen hinsichtlich ihrer Entwicklung profitieren konnten, während sich für die Leistungsspitze keine Nachteile abzeichneten.

Die an den Vortrag anschließende Diskussion beschäftigte sich mit der Rolle der Lehrkräfte, aber auch mit den Effekten, die von der nach wie vor gegliederten Schulstruktur in Deutschland auf die Leistungsentwicklung von Schülerinnen und Schülern ausgehen können. Frau Jun.-Prof. Dr. Scharenberg erläuterte, dass auch über jene Prozesse, über die solche Effekte auf die schulischen Leistungen vermittelt werden, bislang noch zu wenig bekannt sei. So bestehe insbesondere hinsichtlich der Rolle der Lehrkräfte, der Unterrichtsgestaltung und der sozialen Interaktionen in heterogenen Schulklassen noch weiterer Forschungsbedarf.

(Christina Metzger, Dr. Martina von Gehlen, Jun.-Prof. Katja Scharenberg)

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Bericht und Video zum ersten Vortrag der Ringvorlesungsreihe:
„Prof. Fritz Oser: Aus Fehlern (nicht) lernen – Auftakt der Ringvorlesung findet regen Anklang“

Bericht und Video zum zweiten Vortrag der Ringvorlesungsreihe:
„Pfarrer Gerhard Ziener: Bildungsstandards, Kompetenzen und Kompetenzorientierung: Alter Wein in neuen Schläuchen?“