Ringvorlesung mit Prof. Dr. Timo Leuders: „Flexibel differenzieren und fokussiert fördern – Differenzierungsstrategien unterscheiden und auswählen“

Auf Einladung des FACE Praxiskollegs hielt Prof. Dr. Timo Leuders (Pädagogische Hochschule Freiburg) am 17.11.2016 einen Vortrag zur Differenzierung im Unterricht. In seiner Darstellung setzte er den Schwerpunkt auf konkrete Praxisbeispiele inhaltlicher und fachdidaktischer Art, die Differenzierungsstrategien im Unterricht veranschaulichen und anwendbar machen. In seinem Vortrag stellte Prof. Dr. Leuders zwei wichtige Aspekte für differenziertes Unterrichten heraus: zum einen die Bedeutung fokussierter Förderung im Zusammenhang mit der Darstellung konkreter Förderbereiche und Fördermodelle, zum anderen die Anwendung dieser Modelle in der konkreten Unterrichtspraxis.

Einführend ging Prof. Dr. Leuders auf das Thema „Heterogenität“ ein, das in der heutigen Forschung mit Fragen des Schulsystems, der Kompetenz von Lehrerinnen und Lehrern und mit deren Fähigkeit, im Unterricht angemessen zu differenzieren, unmittelbar zusammenhängt. Dass in der Schul- und Unterrichtslandschaft ein Bedürfnis bestehe, die Ergebnisse der Schulforschung mit der Praxis zu verbinden, zeigt sich vor allem im Fortbildungsbedarf von Lehrkräften, der schwerpunktmäßig in den Bereichen der Förderung lernschwacher Schülerinnen und Schüler, der Binnendifferenzierung und der individuellen Förderung, sowie in der Integration und Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf liegt. Zwar lassen sich in der aktuellen Unterrichtspraxis Aktivitäten für Differenzierungsstrategien feststellen, diese gehen aber bislang noch zu wenig mit dem Ausbau differenzierenden Unterrichts sowie systematischen Ausbildungs- und Fortbildungskonzepten einher. Prof. Dr. Leuders räumte ein, dass ein Grund hierfür auch ein Mangel an Ressourcen ist.

Individualisierte Förderung muss nach Prof. Dr. Leuders zwei Kriterien erfüllen. Das erste Kriterium sei die Berücksichtigung der individuellen Adaptivität der Schülerinnen und Schüler, d. h. die Abstimmung der zentralen Förderinhalte auf individuelle Lernbedarfe. Hieran knüpft das zweite Kriterium, nämlich die inhaltliche Treffsicherheit, die mit fachdidaktisch-empirischer Forschung einhergeht, um Lernhürden bei den Schülerinnen und Schülern zu überwinden. Fokussiertes Fördern kann erst dann geschehen, wenn eine Diagnose die grundsätzlichen Verstehens-hürden bei Schülerinnen und Schülern aufdeckt. Ist diese erfolgt, können durch konkrete Hilfestellungen und Aufgaben, gegebenenfalls durch die Lehrkraft selbst, diese Verstehenshürden durch Übung und Förderung aufgehoben werden.

Prof. Dr. Leuders erläuterte, wie man im Unterricht ein fokussiertes Fördern gestalten kann, und was beim Differenzieren zu beachten ist. Für die konkrete Unterrichtspraxis wurden in diesem Zusammenhang vier Analysekategorien vorgestellt, nach denen Differenzierung im Unterricht geplant werden kann. Erstens das Formulieren von Differenzierungszielen, zum Beispiel das Erreichen eines Ausgleichs von Unterschieden in der Klasse. Zweitens die Berücksichtigung der Differenzierungsaspekte, die zum Beispiel durch Lerninhalte und -ziele gegeben werden. Drittens die Kategorisierung von Differenzierungsformaten, die definieren, ob die Steuerung der Adaptivität durch die Lehrkraft oder durch die Schüler geschehen soll. Viertens schließlich die Planung der Differenzierungsebene, die festlegt, ob die Differenzierung auf der Ebene der Aufgaben, der Unterrichtsmethoden oder der Unterrichtsstrukturen erfolgen soll.

Differenziertes Unterrichten wird auch in Zukunft als eine herausfordernde Aufgabe für praktizierende Lehrkräfte erscheinen, wobei angesichts der Fülle von Angeboten und Theorien der Bezug zur Fachdidaktik stets im Blick behalten werden sollte. Schon in der Lehramtsausbildung an der Hochschule sollten angehende Lehrerinnen und Lehrer Handlungsoptionen hinsichtlich Differenzierungsstrategien kennenlernen und entsprechende Kompetenzen erwerben.

In der anschließenden Diskussion wurde erörtert, wie man diagnostisch Verstehenshürden bei Schülerinnen und Schülern feststellen kann, und ob der aktuelle Bildungsplan zeitlich eine intensive Auseinandersetzung mit Differenzierungsstrategien zulässt.

 

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