Erklären als didaktisches Handeln – Was zeichnet lernförderliche Erklärungen aus?

Prof. Dr. Matthias Nückles
Prof. Dr. Matthias Nückles

Mit diesem Thema eröffnete im neuen Jahr Prof. Dr. Matthias Nückles am 12. Januar einen weiteren Abend der Ringvorlesungsreihe „Lehr- und Lernperspektiven“. Prof. Dr. Nückles ist Lehrstuhlinhaber des Instituts für Erziehungswissenschaft der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Lehr-und Lernforschung.

In seinem Vortrag stellte Prof. Dr. Nückles zunächst den Begriff „Erklärungen“ und deren lehr-und lernperspektivische Dimension vor. Die allgemeinen Hypothesen, dass Erklärungen zu den wichtigsten Mitteln gehören, die das Lernen bei Schülerinnen und Schülern fördern und dass „gute Lehrer vor allem gut erklären können“ wurden von Prof. Dr. Nückles auf Basis diverser Studien zunächst widerlegt. Dennoch ist die Bedeutung lernförderlicher Erklärungen für ein gewinnbringendes Unterrichtsklima nicht von der Hand weisen. Welche Kriterien lernförderliches Erklären erfüllen müssen, wie man es erlernt und üben kann darüber referierte Prof. Dr. Nückles im folgenden Verlauf anhand von Beispielen aus der Praxis.

Erklärungen haben ihm zufolge drei wichtige Funktionen. Erstens, das systematische Entfalten von Lernstoff durch die Lehr- bzw. „Erklär“-person. Zweitens, der Verständnissaufbau neuer Sachverhalte durch die von der Erklärung beförderte Wissenskonstruktion und drittens das Schließen von Wissenslücken, die für einen erfolgreichen Wissenstransfer hinderlich sind.

Erklärungen können äußerst unterschiedlich gestaltet und im Unterrichtsverlauf flexibel eingesetzt werden. Beispielsweise können zu Beginn einer Unterrichtsstunde vorangestellte Strukturierungshilfen für Erklärungen, wie z.B. Advance Organizer oder Epitome, einen Einstieg bilden. Im Hauptteil des Unterrichts können sie als ontologische, kausale, funktionale, prozedurale oder Begriffsklärungen vorkommen. Am Ende des Unterrichts ermöglichen Erklärungen als „Summarizer“ oder „Synthesizer“ die Verfestigung des Lernstoffs.

Dabei haben alle Arten von lernförderlichen Erklärungen die gleichen Merkmale: Sie knüpfen an das Vorwissen der Lernenden an. Die besondere Problematik hierfür ist, dass sich Vorwissen meist nicht leicht einschätzen lässt. Experten in ihrem jeweiligen Fachgebiet tendieren in der Regel dazu, das Vorwissen der Lernenden zu überschätzen und können Lernschwierigkeiten nicht angemessen wahrnehmen – der sogenannte „Expert Blind Spot“. Wenn die Vorwissensadaptation gelingt, dann ist ein positiver Effekt direkt wahrnehmbar. Die Ergebnisse zweier unterschiedlicher Studien bewiesen dies anschaulich.

Ein weiteres Merkmal lernförderlicher Erklärungen stellen kohäsive Formulierungen dar. Durch einen hohen Grad von Vernetzung innerhalb von Erklärungen ergibt sich ein roter Faden, der das Verständnis derselben erleichtert. Dabei sind sowohl eine lokale als auch eine globale Kohäsion zu beachten. Für eine hohe Kohäsion wird ein gut vernetztes und umfangreich vorhandenes Fachwissen benötigt, kohäsive Formulierungen sind aber durchaus erlernbar.

Prinzipienorientierung zeichnet das letzte Merkmal lernförderlicher Erklärungen aus. Prof. Dr. Nückles stellte hierfür eine Studie vor, in der die Erklärungen von Mathelehrerinnen und -lehrer mit denen von Matheprofessorinnen und -professoren verglichen wurden. Das Ergebnis der Studie zeigte, dass die Erklärungen auf Seiten der Lehrkräfte stark prozedural orientiert waren und der Wissenstransfer der Schülerinnen und Schüler aus diesem Grunde nicht erfolgreich war. Aus diesen Ergebnissen wurde abgeleitet, dass Prinzipienorientierung für Wissenstransferaufgaben ein hoher Wert beigemessen werden kann. In einer weiteren Studie wurde daher untersucht, inwieweit die kontextuale Verhaftung von Mathelehrerinnen und -lehrern im schulischen Umfeld eine Rolle für diese Ergebnisse spielt. Die Mathelehrerinnen und -lehrer sollten wiederum Erklärung im Unterricht geben, wurden aber nun im Vorfeld durch ein Comic gebrieft, das anschaulich die verschiedenen Arten von Erklärungen im Mathematikunterricht darstellte. Die Ergebnisse zeigten, dass das Bewusstsein für die Rolle von Erklärungen einen positiven Einfluss auf das Verständnis der Arbeitsprozesse bei Schülerinnen und Schülern bewirkte.

Die lebhafte Diskussion, die anschließend zwischen den Zuhörerinnen und Zuhörern und Herrn Prof. Dr. Nückles stattfand, beschäftigte sich mit den Unterscheidungsmerkmalen zwischen sprachlichen und schriftlichen Erklärungen, Möglichkeiten zur Vorwissensdiagnostik und die Gewichtung der unterschiedlichen Merkmale von lernförderlichen Erklärungen in ihren jeweiligen fachdidaktischen Kontext.

Prof. Dr. Matthias Nückles
Ringvorlesung mit Prof. Dr. Matthias Nückles

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