Jun.-Prof. Dr. Thamar Voss: Die Lehrkraft macht den Unterschied! – Forschung zu Unterrichtsqualität und professioneller Kompetenz von Lehrkräften

Ringvorlesung „Lehr- und Lernperspektiven“ des Praxiskollegs am 22.02.2018

Jun.-Prof. Dr. Thamar VossDer Themenvortrag von Prof. Dr. Thamar Voss, die seit Oktober 2016 Juniorprofessorin für Empirische Schul- und Unterrichtsentwicklungsforschung an der Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg ist, widmete sich inhaltlich überwiegend drei Leitfragen, die im Laufe des Abends anhand empirischer Daten beantwortet wurden:

Leitfragen:

  1. Was bedeutet hohe Unterrichtsqualität und wie kann man sie messen?
  2. Wie viel Unterschied macht eine gute Ausbildung für Lehrkräfte?
  3. Wie prädikativ ist die professionelle Kompetenz für den beruflichen Erfolg einer Lehrkraft?

Als Gegenentwurf zur Suche nach der „guten Lehrerpersönlichkeit“ führte die Referentin den Ansatz professioneller Kompetenz von Lehrkräften ein. Die professionelle Kompetenz von Lehrkräften wird als Bündel persönlicher, berufsspezifischer Voraussetzungen zur erfolgreichen Bewältigung von Situationen konzeptualisiert und umfasst verschiedene kognitive und motivational-affektive Aspekte. Als kognitive Aspekte gelten das professionelle Wissen und die Überzeugungen, als motivational-affektive Aspekte die motivationalen Orientierungen und die professionelle Selbstregulation (Baumert & Kunter, 2006). Prinzipiell werden die Aspekte professioneller Kompetenz von Lehrkräften als erlern- und veränderbar (und somit im Rahmen der Lehrer*innenbildung systematisch förderbar) aufgefasst!

Zur Beantwortung der drei Leitfragen wurde der Vortrag anhand von Ergebnissen empirischer Daten unter anderem des COACTIV Forschungsprogramms, in welchem Mathematiklehrkräfte und deren Klassen untersucht wurden, untermauert.

Hinsichtlich der ersten Frage nach Merkmalen der Unterrichtsqualität, betonte die Referentin, dass es wichtig sei, zwischen den Sichtstrukturen (Rahmenbedingungen oder methodische Großformen, die relativ leicht zu beobachten sind) und Tiefenstrukturen des Unterrichts zu unterschieden. Tiefenstrukturen beziehen sich auf die Gestaltung der Lehr-Lern-Interaktionen, die nicht auf den ersten Blick zugänglich sind und als Basisdimensionen der Unterrichtsqualität bezeichnet werden. Dabei wird zwischen drei Merkmalen unterschieden: Effizienz der Klassenführung, konstruktive Unterstützung, Potenzial der kognitiven Aktivierung. Diese drei Merkmale, so zahlreiche Forschungsarbeiten, sind gut geeignet, Unterschiede in der Qualität von Unterricht anhand einer begrenzten Anzahl an Merkmalen zu beschreiben. Sicht- und Tiefenstrukturen können prinzipiell unabhängig voneinander variieren, und vor allem die Tiefenstrukturen sind bedeutsam für den Kompetenzerwerb der Schülerinnen und Schüler.

Die zweite Frage bezog sich auf Merkmale einer effektiven Lehrer*innenbildung. Die Forschungsergebnisse der Referentin weisen darauf hin, dass der Vorbereitungsdienst eine signifikante Lerngelegenheit darstellt. Am Beispiel des Wissens der Lehrkräfte über eine effiziente Klassenführung fand sich im Verlaufe des Vorbereitungsdienstes in einer großen Stichprobe von über 800 Lehramtskandidat*innen des Faches Mathematik ein statistisch und praktisch bedeutsamer Anstieg dieses Wissens. Jedoch zeichneten sich Unterschiede im Wissenserwerb in Abhängigkeit von individuellen Merkmalen und Merkmalen der Lerngelegenheiten im Vorbereitungsdienst ab. Besonders markante Unterschiede fanden sich in Abhängigkeit der Schulform: Schon zu Beginn des Vorbereitungsdienstes verfügten Lehramtskandidat*innen des gymnasialen Lehramts über höheres Wissen als Kandidat*innen anderer Schulformen. Darüber lernten gymnasiale Lehramtskandidat*innen im Mittel statistisch signifikant mehr dazu. Da der Vorbereitungsdienst häufig als sehr herausfordernd dargestellt wird, untersuchte die Referentin neben dem Wissenserwerb auch die Entwicklung der emotionalen Erschöpfung. Interessanterweise fand sie zwar einen Anstieg der emotionalen Erschöpfung im ersten Jahr des Vorbereitungsdienstes, im zweiten Jahr jedoch sank die emotionale Erschöpfung im Mittel wieder auf das Ausgangsniveau ab.

Zum Schluss ging die Referentin noch der Frage nach der Bedeutung der professionellen Kompetenz von Lehrkräften für den beruflichen Erfolg nach. Zum Beispiel fand sich in den Forschungsergebnissen der COACTIV Studie: Je höher das fachdidaktische Wissen der Lehrkräfte, umso höher war die Qualität des Unterrichts und umso mehr lernten die Klassen im Mittel dazu. Das im Rahmen der Lehrer*innenbildung erworbene pädagogische-psychologische Wissen von Lehramtskandidat*innen stand ebenfalls systematisch mit Merkmalen der Unterrichtsqualität in Zusammenhang. Zudem weisen die Befunde der Referentin darauf hin, dass ein hohes professionelles Wissen eine Pufferfunktion einnehmen und einem Anstieg emotionaler Erschöpfung im Lehrer*innenberuf vorbeugen kann.

Die Referentin kam daher zu der Schlussfolgerung, dass die Aspekte professioneller Kompetenz bedeutsam für multiple schüler- und lehrkraftseitige Indikatoren beruflichen Erfolgs sind.

(Mirjam Emmering, Dr. Martina von Gehlen)

Präsentation

Hier finden Sie die Präsentation zum Vortrag von Prof. Dr. Thamar Voss.

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