Prof. Dr. Alexander Renkl: Sollten wir Lehrkräfte befähigen, empirische Evidenz zu nutzen? Oder gibt es bessere Ideen?

Praxiskolleg Ringvorlesung WS 18/19 „Lehr- und Lernperspektiven – Impulse aus der Forschung für Schule und Unterricht“ am 29.11.2018

Am dritten Abend der Ringvorlesung des FACE-Praxiskollegs im Wintersemester 2018/19 widmete sich Prof. Dr. Alexander Renkl von der Abteilung Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg der Frage, ob Lehrkräfte befähigt werden sollten, empirische Evidenz zu nutzen – oder inwiefern es gegebenenfalls bessere Ideen gibt?

Praxiskolleg Ringvorlesung WS 2018/19 - Prof. Dr. Alexander Renkl

Ein potenzielles Problem und die damit einhergehende Frage, ob Lehr-Lernforschung nützlich für die Praxis ist, beinhaltet, dass jeder Forscher und jede Forscherin aber auch jede Lehrkraft, schon auf ihre/seine Weise im Laufe des Lebens mit den unterschiedlichsten Themen konfrontiert wurde und somit Vorwissen und Erfahrungen mitbringt – was von Vor- aber auch Nachteil sein kann. Wissenschaftler*innen sind häufig der Meinung, dass ihre Forschung praxisrelevant ist – Lehrer*innen hingegen, dass die Themen viel zu weit weg vom Unterrichtsgeschehen sind. Häufig gehen also die Vorstellungen von Forschung und Praxis weit auseinander, d.h. es ist sinnvoll sich dementsprechend abzustimmen.

Prof. Dr. Renkl begann seinen Vortrag zunächst mit der Vorstellung eines Beispiel-Workshops zum Thema „Multiple Darstellungsformen“ – um, so Renkl, die Thematik etwas konkreter zu machen. Es gibt in nahezu jedem Unterrichtsfach die Möglichkeit auf multiple Darstellungsformen zurückzugreifen. Bezogen auf den Mathematikunterricht, stellte Renkl beispielsweise kurz das E-I-S Prinzip mit seinen drei Darstellungsformen vor (enaktiv – d.h. handelnd, ikonisch – d.h. bildlich, symbolisch – d.h. verbal oder formal). Weitere Beispiele gab es aus den Fächern Deutsch und Religion.

Warum also ist wissenschaftliche Erkenntnis als zusätzliche Ressource wichtig und wie werden wissenschaftliche Erkenntnisse derzeit aufbereitet? Wenn wir die Medizin als Vorbild für die Nutzung empirischer Evidenz in der Praxis nehmen, dann blicken wir auf viele Meta-Analysen. Allerdings ist es, laut Renkl, für (angehende) Lehrkräfte nicht wirklich realistisch diese in sinnvoller Weise zu nutzen, weil sie sehr abstrakte Informationen und eine Menge von Wissensbruchstücken beinhalten.

Ein zentraler „Schlüssel“ zur Optimierung ist die Verbesserung des tagtäglichen Lehrens und Lernens in der Schule. Folglich müssen die (angehenden) Lehrkräfte (noch) besser gemacht werden. Sie müssen in die Lage versetzt werden, als Lernende und Lernender mehr Ressourcen zu nutzen als nur die eigenen Erfahrungen in der Ausbildung oder als ausgebildete Lehrkräfte, so Renkl. Des Weiteren sollten sich Lehrkräfte durch die Beschäftigung mit Bildungsforschung und wissenschaftlichen Erkenntnissen gegen nicht bestätigte Annahmen in praxisorientierten Publikationen, Materialien für Lehrkräfte oder Praxistipps von (ausbildenden) Kolleg*innen (z.B. bzgl. Vorwissen, Lerntypen und Lernen aus Text und Bild) wappnen.

Unter generellen Befundmustern, den sogenannten „Ersten Prinzipien“ wird unter anderem die Relevanz des Vorwissens (kann Hürde oder Vorteil sein), welches eine wichtige Rolle spielt, aber auch die Rolle von Kapazitätsbeschränkungen (Arbeitsgedächtnis), die Relevanz der Qualität der Informationsverarbeitung auf Seiten der Lernenden (z.B. Elaboration, Text-Bild-Integration) und die Besonderheiten beim Lernen aus multiplen Informationsquellen verstanden. Das Lernen aus multiplen Informationsquellen ist sehr schwierig und braucht zunächst vielfach Unterstützung, z.B. bezogen auf die Schule, können Schülerinnen und Schüler bei der Informationsentnahme aus Texten und Bildern oder beim Surfen durchs Internet, evtl. auf inhaltliche Widersprechungen zwischen unterschiedlichen Seiten zum selben Thema stoßen, was entweder gar nicht bemerkt wird oder zunächst zu Verwirrung und Verunsicherung führen kann.

Es gibt vier unterschiedliche Ebenen wissenschaftlicher Erkenntnisse, die Lehrkräfte nutzen können: Generelle Befundmuster („Erste Prinzipien“), Theorien/Lehr-Lern-Modelle, Meta-analytische Befunde zu spezifischen Effekten und spezifische Studien/Experimente. Sie können alle relevant sein, unterscheiden sich aber darin, wie kompliziert ihre Nutzung für die Praxis ist.

Der Fokus sollte, laut Renkl, auf den „Ersten Prinzipien“ liegen und darin, Theorien in Praxisbeispielen zu verankern. Prinzipiell sollten nicht bestätigte Überzeugungen von Lehrkräften (nicht hilfreiche „Erste Prinzipien“ – z.B. der Mythos, dass der Einsatz von Bildern immer besser als Text sei, was natürlich nicht stimmt) sehr kritisch reflektiert werden. Außerdem ermögliche der Fokus auf die „Ersten Prinzipien“ die prinzipienbasierte Rezeption von Theorien, Meta-Analysen und Studien. Dies bedeutet, dass das Wissen über „Erste Prinzipien“ wichtig für die Anpassung von Empfehlungen an den Anwendungskontext (vgl. Probleme der einseitigen Wissenschaftskommunikation) ist.

Praxiskolleg Ringvorlesung WS 2018/19 - Diskutantin Sybille SchickSollten Lehrkräfte also empirische Evidenz nutzen? Renkl resümierte hinsichtlich dessen, dass es für Lehrkräfte auf jeden Fall nicht sinnvoll sei, die Medizin mit ihrem Fokus auf Meta-Analysen und einzelnen Studienergebnissen nachzuahmen. Lehrkräfte sollten stattdessen primär empirisch bewährte „Erste Prinzipien“ und Theorien nutzen, um diese in die entsprechenden Materialien und ihre Unterrichtsvorbereitung zu integrieren.

Bei der anschließenden Diskussion wurde als Diskutantin Sybille Schick, die als abgeordnete Gymnasiallehrerin derzeit Leiterin der Abteilung ‚Beratung und Praxisvernetzung‘ in der School of Education FACE ist, geladen. Sie war langjährige Ausbildungslehrerin und Mentorin an einem Freiburger Gymnasium und ist sehr interessiert an den neuen Entwicklungen in der Lehrer*innenbildung. Inhaltlich ging es bei der Diskussion unter anderen um das Thema Ausbildung und wie es geschafft werden kann, dass die Ausbildung von Praktikant*innen sowie Referendar*innen erneuert an den Erkenntnissen der Forschung andockt und somit eine Zweibahnkommunikation zwischen Forscher*innen und Lehrer*innen aus der Praxis angebahnt werden kann, um die von Renkl genannten Ideen wirkmächtig in der Schule werden zu lassen.

Mirjam Emmering & Prof. Dr. Alexander Renkl

 

Weitere Informationen

Alle Informationen, Berichte und Veranstaltungen der Ringvorlesung „Lehr- und Lernperspektiven – Impulse aus der Forschung für Schule und Unterricht“ finden Sie auf der Webseite zur Ringvorlesung.