Wie übersetzt man “Kohärenz”? – Eine Spurensuche in Oslo

Mit dem norwegischen Projekt „ProTeD“ verfolgt die Universität Oslo Ziel und Ansätze der Kohärenz- und Professionsorientierung, die mit den Maßnahmen des Freiburger QLB-Projekts vergleichbar sind. Mit dem Ziel, sich über die jeweiligen Lehrer*innenbildungssysteme und -kulturen auszutauschen, aktuelle bildungs- und hochschulpolitische Tendenzen zu diskutieren und über Anknüpfungspunkte für mögliche Kooperationen nachzudenken, fand im September 2018 eine erste Vernetzungsreise von Vertreter*innen des FACE nach Oslo statt. Der Besuch vor Ort sollte vertiefte Einblicke in die Maßnahmen der dortigen Projekte erlauben, aber auch ein Bild der infrastrukturellen, personellen und auch bildungskulturellen Rahmendaten vermitteln.

Das Department of Teacher Education and School Research der Universität Oslo ist für die Lehrer*innenaus- und -fortbildung im Sekundarstufenbereich verantwortlich und organisiert in Kooperation mit Partnerschulen und Universitätsschulen eine forschungsbezogene und praxisorientierte Lehrer*innenausbildung, die in vielen Bereichen den Ansätzen der School of Education FACE nahekommt. Um sich über ähnliche Ansätze, aber auch unterschiedliche Kontexte und Maßnahmen auszutauschen, fand im September 2018 ein erster Besuch von Freiburger Vertreter*innen an der Universität Oslo statt. Im Zentrum der viertägigen Vernetzungsreise standen Gespräche zu Aspekten der Kohärenz- und Professionsorientierung in den jeweiligen Lehrer*innenbildungssystemen, insbesondere die Theorie-Praxis-Verzahnung (u.a. ausgewählte Mentoring- und Mentoratsprogramme, Formate von Schulpraktika und deren Betreuung), Lehrer*innenfortbildungskonzepte und Entwicklungen in der Fremdsprachenlehrer*innenbildung.

Austausch zu unterschiedlichen Lehrer*innenbildungssystemen und -kulturen

Die Woche begann mit einem  Arbeitsgruppentreffen am Department of Teacher Education and School Research, unter Leitung von Prof. Dr. Doris Jorde, Dr. Tove Seiness Hunskaar, Dr. Gerke Doetjes und Dr. Jon Arild Lund. Im Zentrum stand hierbei zunächst die Vorstellung der Historie, aktuellen Schwerpunkte und des Stellenwerts des Departments an der Universität sowie in der norwegischen Hochschullandschaft im Allgemeinen, wobei insbesondere auf staatlich geförderte Drittmittelprojekte eingegangen wurde (u.a. das mit der QLB thematisch vergleichbare „ProTED“, das vergleichbare Leitziele vereint wie die FACE-Maßnahmen am Standort Freiburg – wie z.B. Kohärenz- und Professionsorientierung oder auch die fokussierte Theorie-Praxis-Verzahnung). Im Rahmen der Vorstellung des Departments wurden auch die grundsätzliche Struktur und ausgewählte Aspekte des norwegischen Bildungssystems sowie der Lehrer*innenausbildung vorgestellt. Betont wurde eingangs, dass die Zuständigkeit der Lehrer*innenbildung in Oslo unterschiedlichen Institutionen obliege: So ist das Department of Teacher Education and School Research allein für die Ausbildung der Sekundastufenlehrkräfte mit Fokus auf die Sekundarstufe II zuständig, weshalb der Fokus der Vorstellung auch auf den entsprechenden Programmen lag. Beachtung fand u.a. die Gesamtkonzeption eines fünfjährigen Master of Education (in Form eines Zwei-Fächerstudiums), die eher an eine grundständige Lehrer*innenausbildung erinnert als an den in Deutschland bzw. nach Bologna meist auf zwei Jahre und 120 ECTS Punkte reduzierten Master of Education. Ein weiterer interessanter Aspekt des vorgestellten Ausbildungssystems war die Möglichkeit, das Lehramtsstudium für die Sekundarstufe auch als einjähriges Graduiertenprogramm an ein fachwissenschaftliches Studium anzuschließen und dies bei Bedarf auch berufsbegleitend bzw. in Teilzeit zu absolvieren.

Das Konzept der Partner- bzw. Universitätsschulen und der damit verbundenen Ziele zeigte dabei deutliche Ähnlichkeiten zum Ansatz der Freiburger FACE-Maßnahme „M2 Praxiskolleg“. Um die Diskussion zu vertiefen und Anknüpfungspunkte für eine nachhaltige Kooperation zu eruieren stand auch eine Präsentation des baden-württembergischen Lehrer*innenbildungssystems und ausgewählten QLB-Projektmaßnahmen am Standort Freiburg auf dem Programm. Hierfür wurden zunächst ein Überblick über die Lehramtsreform in Baden-Württemberg gegeben, die Qualitätsoffensive Lehrerbildung des Bundes vorgestellt, bevor ausgewählte FACE-Projektmaßnahmen – insbesondere die Maßnahme M2 des Praxiskollegs, der M5 „Fort- und Weiterbildung“ sowie der M1 „Lehrkohärenz“ (mit Beispielen aus der Romanistik) – in diesem Kontext diskutiert wurden. P. Blumenschein gab dabei u.a. auch bereits einen Ausblick auf die FACE Tagung im März 2019 in Freiburg. Es schloss sich eine Diskussion über mögliche Kooperationsfelder an, die in den folgenden Tagen noch weiter vertieft wurde.

Kohärenzkonzepte – Schulnetzwerk, Mentoring, Fremdsprachen

Strukturen und Funktionen des Netzwerks an Universitätskooperationsschulen wurden nicht nur theoretisch erläutert, sondern um eine Diskussion mit Lehrkräften ergänzt – und zwar direkt an einer der Osloer Universitätspartnerschulen, der Nesodden Sekundarschule im Oslo Fjord. Es handelt sich hierbei um eine der Universitätsschulen, die intensiv mit Studierenden und Hochschulpartnern arbeitet. Die Schule hat ca. 500 Schüler*innen und 100 Lehrer*innen. Bereits die Fahrt zur Schule – via Fähre und Bus – wurde von Dr. Gerke Doetjes und Jon Lund genutzt, um einige der Charakteristika von Norwegens Sekundarschulen sowie der Kooperation zwischen Schulen und Universität näher zu beleuchten. Von besonderem Interesse waren hier beispielweise unterschiedliche Mentoring-Modelle. Ein authentisches Bild der Schule bot sich in der Folge sowohl durch eine Sitzung mit der Schulleitung, bei der eine Präsentation zu Schulgeschichte und -profil gezeigt wurde als auch durch eine Schulhausführung, während der unterschiedliche Klassenstufen und Fachunterrichtsstunden besucht wurden.

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Abb. 1 und 2: Nesodden Universitätspartnerschule Oslo – Traumwand und Handyhotels.

Auffällig war hierbei – neben kleineren Kuriositäten wie den „Handyhotels“ in jedem Klassenzimmer oder der „Wand der Träume“ (Drommeveggen) (Abb. 1 und 2) – die Verbindung aus Gymnasium und Berufsschule „unter einem Dach“ – d.h. die Schule verband in einer Institution, auch in einem gemeinsamen Gebäudekomplex, eine gymnasiale Oberstufe, die zur norwegischen Hochschulreife führt, mit einem Berufsoberschulzweig für Mechatronik, Elektrotechnik und anderen Schwerpunktfächer. An eine Schulhausführung schloss sich im Rahmen eines gemeinsamen Mittagsessens eine Diskussionsrunde mit Vertreter*innen der Schulleitung, des Lehrer*innenkollegiums und der beiden Vertreter der Universität Oslo an. Hierbei wurde wiederum die besondere Nähe zwischen der schulischen Praxis und der erziehungswissenschaftlichen / fachdidaktischen Forschung der Universität deutlich: So werden beispielsweise die Praxisphasen der Studierenden sowohl von Seiten der Universität als auch an der Schule selbst unterstützt. Die beteiligten Lehrkräfte, die mit Studierenden arbeiten, erhalten hierfür von der Universität eine spezifische Mentoratsausbildung (Einführungskurs mit 5 ECTS und zwei Vertiefungskursen mit insgesamt 30 ECTS – die Leistungen können in einen Master Leadership in Education integriert werden). Der Konzeptansatz korrespondiert mit dem berufsbegleitenden Masterkonzept in der Lehrkräfteweiterbildung in FACE, sodass auch hier Möglichkeiten des Austauschs und der Kooperation eruiert werden.

Ergänzend zu den Mentoring-Ansätzen wurde auch das Konzept der Lehrkräftefortbildungen in Norwegen bzw. an der Universität Oslo skizziert: So wurde an der Uni Oslo 2018 ein eigenes Department for Research, Innovation and Competence Development eingerichtet, welches die Fort- und Weiterbildung von Lehrer*innen, Schulleiter*innen organisiert und durchführt. Im Fokus stehen Projekte, die schulbezogen ablaufen und gleichzeitig forschungsrelevant sind. Der Aufbau von Kollaborationsnetzwerken ist hier entscheidend.

Ein weiterer Fokus der Woche waren Vernetzungsgespräche zur Fremdsprachenlehrer*innenausbildung, die von Dr. Gerke Doetjes geleitet wurden und zu denen insbesondere Vertreter*innen der Fachdidaktik Französisch und Spanisch geladen waren. Inhaltlich ging es um Ansätze der Kompetenz- und Kohärenzorientierung in der Fremdsprachenlehrer*innenbildung auf beiden Seiten, wobei theoretisch-konzeptionelle Fragen zur professionellen Kompetenz von Fremdsprachenlehrkräften ebenso diskutiert wurden wie curriculare Aspekte und unterschiedliche Lehr-Lern-Formate. Konkret ging es beispielsweise um das Potential von videographierten micro-teaching-Einheiten zu core practices in der Fremdsprache als Teil von Kursen zu „Professionsorientierter Sprachpraxis“. Außerdem diskutiert wurden Vernetzungskonzepte zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik.

Während des Aufenthalts in Oslo boten die vielfältigen Präsentations- und Diskussionsformate nicht nur die Möglichkeit, sich einen guten Überblick über das jeweils andere System zu verschaffen, sondern regten auch dazu an, über mögliche Felder und Formate der Kooperation nachzudenken. Insbesondere im Bereich der Theorie-Praxis-Verzahnung / Uni-Schule-Kooperationen sowie der Lehrkräftefortbildung, aber auch in der Fremdsprachendidaktik werden hier gemeinsame Projekte für eine nachhaltige Kooperation ins Auge gefasst. Vom 11. bis 12. Oktober fand bereits der erste Gegenbesuch aus Oslo statt – durch Dr. Gerke Doetjes, Mitglied des Educational Management und Leiter der fremdsprachlichen Abteilung. Im Rahmen eines eintägigen Meetings ging es darum, die Kooperation in Forschung und Lehre zu konkretisieren. Das nächste Treffen der fremdsprachendidaktischen Kooperation ist für das Frühjahr 2019 geplant.