Gibt es einen Gott? Wenn ja, wie stelle ich ihn mir vor? – Wie ein Lehrentwicklungsprojekt das Thema Gott für den Schulunterricht aufbereitet

Ergebnisse des Lehrentwicklungsprojekts von Dr. Eva-Maria Spiegelhalter, Theologische Fakultät, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Projektlaufzeit: 01.03.2020 – 28.02.2021

Gibt es einen Gott? Wenn ja, wie stelle ich ihn mir vor? Wie sieht er aus, was kann er, was bedeutet er für mich? Sich mit diesen und ähnlichen Fragen zu konfrontieren und Antworten zu suchen, ist Thema des Religionsunterrichts aller Klassenstufen in Baden-Württemberg. Wie angehende Lehrer*innen fachwissenschaftlich und fachdidaktisch auf das Unterrichtsthema vorbereitet werden können, beschäftigt ein Lehrentwicklungsprojekt von Dr. Eva-Maria Spiegelhalter.

Gesellschaftlich lässt sich ein „Trend zur Religion“ ablesen. Das Wort Gott fällt in diesem Kontext jedoch meist nicht oder es wird offengelassen, was mit Gott genau gemeint ist. Zugleich zählt die Gottesfrage zu den zentralen Themen des Religionsunterrichts. Für zukünftige Religionslehrer*innen stellt diese Entwicklung eine zentrale Herausforderung dar. Die Lehrveranstaltung „Gott – personales Gegenüber oder erstes Prinzip? Gotteskonzepte für der unterrichtlichen Kontext adaptieren“ nimmt diese Herausforderungen an.

Die Frage nach Gott ist die Kernfrage des Religionsunterrichts. Schüler*innen erwerben in diesem Bereich weitreichende Kompetenzen. Sie lernen die Gottesfrage zu formulieren, eigene und biblische Gottesvorstellungen zu beschreiben, darzustellen und zu erläutern. In der Oberstufe wird die Rede von Gott im Kontext von Philosophie und Theologie geführt. Vorausgesetzt ist damit auf Seiten der Lehrkraft ein umfassendes fachwissenschaftliches Wissen in den Bereichen der theologischen Gottesrede, des Trinitätsbegriffs und der Christologie. Dieses universitäre Wissen muss jedoch transformiert werden, um im Religionsunterricht relevant zu werden.

Das Lehrprojekt „Gott – personales Gegenüber oder erstes Prinzip? Gotteskonzepte für der unterrichtlichen Kontext adaptieren“ zielt auf eine professionsorientierte Fachwissenschaft, d.h. einen Zugang zum fachwissenschaftlichen Thema der Gotteslehre, der durch die Perspektive des Unterrichts geprägt ist.

Fachwissenschaftlicher Ausgangspunkt

Fachwissenschaftlicher Ausgangspunkt sind Gedanken der Prozesstheologie von Cathrine Keller.  Cathrine Keller bestimmt die Gottesrede durch einen Gott, „den wir um der kulturellen Pluralität, der ökologischen Realität und der neuen Spiritualität willen brauchen“. Sie verortet ihre Theologie bewusst in den Notwendigkeiten und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.[1]

Fachdidaktische Kompetenz

Professionelle Kompetenz bestimmt sich neben fachwissenschaftlichem Wissen durch fachdidaktisches Wissen. Die Förderung des fachdidaktischen Wissens findet im Seminar in Bezug auf die Wahrnehmungs- und Diagnosefähigkeit, in Bezug auf die Erklärkompetenz und in Bezug auf die didaktische Inszenierung statt.

Der Erwerb fachwissenschaftlicher Kenntnisse mündet in die Einübung des Darstellungs- und Erklärungswissens. Studierende transformieren ihr fachwissenschaftliche Wissen im Bereich der Gotteslehre mittels verschiedenen Lernaufgaben in Erklärtexten. Studierenden können hier auf ihr Wissen zum Erklären zurückgreifen, dass sie in den bildungswissenschaftlichen Veranstaltungen erworben haben. Die Kriterien guten Erklärens werden am theologischen Inhalt angewendet und fördern so die Kohärenz zwischen Fachwissenschaft und Bildungswissenschaft.

Im weiteren Schritt entwickeln Studierende Kriterien für die Erstellung passender didaktischer Inszenierungen. Als zentrales Kriterium der didaktischen Inszenierungen tritt hier die Orientierung am Vorwissen bzw. an den Vorkonzepten der Schüler*innen in den Blick. Dieses Kriterium führt die Bedeutung der Wahrnehmungskompetenz zukünftiger Lehrkräfte hinsichtlich der Vorkonzepte der Schüler*innen vor Augen. Passgenaue Lernangebote basieren darauf, dass Lehrkräfte wissen, welches Vorwissen ihre Schüler*innen mitbringen und welche Vorkonzepte das Denken der Schüler*innen prägt. Insbesondere im Bereich der religiösen Vorstellungen sind theologische Korrelationen nur dann möglich, wenn Lehrer*innen mit ihren Erklärungen an Vorkonzepte und religiöse Vorerfahrungen der Schüler*innen anknüpfen.[2] Studierende erwerben daher in der Veranstaltung die Kompetenz, die Schüler*innenvorstellungen und -erfahrungen ihrer jeweiligen Lerngruppe zu erfassen. Studierende erlernen die Konzeption von passenden Fragebögen, um die Vorkonzepte ihrer Schüler*innen zu erfassen. Zudem wird die Möglichkeit der Auswertung und die Verwendung der Ergebnisse für die Konzeption von passgenauen unterrichtlichen Lernangeboten erarbeitet.

Verknüpfung von Theorie und Praxis

Das Seminar findet begleitend zum Schulpraxissemester statt und dient so der Theorie-Praxisverknüpfung. Praxiserfahrungen der Studierenden werden im Seminar aufgenommen und theoriegestützt reflektiert. Gleichzeitig bietet der unterrichtliche Kontext Möglichkeiten, konzipierte Fragebögen, Erklärtexte oder didaktische Inszenierungen zu erproben.

Die Studierenden halten den Kompetenzzuwachs in einem Portfolio fest, der neben einer weiteren schriftlichen Datenerhebung mit offenen Frageformaten der Evaluation des Lehrprojekts dient.

[1] Vgl. Keller 2016, S. 17.

[2] Vgl. Rothgangel 2012, S. 169.

 

Weitere Informationen

Ergebnisse des Lehrentwicklungsprojektes 2019/20:
Was passiert nach dem Tod? Und wie thematisiert man diese Frage im Schulunterricht? – Theologie-Studierende lernen, wie man das Thema Leben, Tod und Auferstehung für den Schulunterricht aufarbeiten kann

Weitere Lehrprojekte der School of Education FACE