Lerngelegenheit „Schulpraktikum“ – Was wissen wir aus Praxis und Forschung? Eine (kritische) Bestandsaufnahme

Praxiskolleg Ringvorlesung WS 18/19 „Lehr- und Lernperspektiven – Impulse aus der Forschung für Schule und Unterricht“ am 18.10.2018

 

Eröffnung der Ringvorlesung „Lehr- und Lernperspektiven – Impulse aus der Forschung für Schule und Unterricht“ im WS 2018/19 durch Prof. Dr. Alexander Gröschner, Friedrich-Schiller-Universität Jena, gemeinsam mit der Diskutantin Dr. Susanne Mahler-Müller, OStRin am Gymnasium Kenzingen und Seminarausbilderin im Fach Deutsch.

Die Prorektorin für Studium und Lehre, Prof. Dr. Juliane Besters-Dilger, begrüßte zum Auftakt der diesjährigen Ringvorlesung des Praxiskollegs die anwesenden Vertreter*innen aus Schule, Hochschule und den Institutionen der Lehrer*innenbildung. Sie stellte die Struktur der neu gegründeten School of Education „Freiburg Advanced Center of Education“ (FACE) dar und betonte die Bedeutung einer gemeinsamen Zusammenarbeit aller Verantwortlichen.

Was sollen Schulpraktika leisten?

Prof. Dr. Alexander Gröschner stellte zu Beginn seines Vortrags den Opportunities-to-learn-Ansatz (Mc Donnell, 1995) vor, den die empirische Forschung derzeit häufig nutzt, um berufspraktische Lerngelegenheiten im Rahmen der Professionalisierung in der Ausbildung von Lehrkräften zu untersuchen. Praxisphasen im Studium haben zum einen die Überprüfung der Berufswahl zum Ziel, darüber hinaus ermöglichen solche Schulpraktika auch einen Rollenwechsel sowie die Erprobung und den Erwerb von professionsrelevanten Handlungskompetenzen durch eine Theorie-Praxis-Verknüpfung und wissenschaftlich geleitete Reflexionen.

Welches Verständnis von „Theorie“ und „Praxis“ wird zugrunde gelegt?

Im Verlauf seines Vortrags zeigte Prof. Gröschner auf, dass es unterschiedliche Begriffsverständnisse von „Theorie“ und „Praxis“ gibt. Aus seiner Sicht sind die drei theoretischen Hauptbezüge das Paradigma des Kompetenzentwicklung-Ansatzes, die lerntheoretischen Ansätze und drittens die Beratungsmodelle des Coachings und Mentorings. Durch diese Komplexität sind seiner Darstellung nach insbesondere strukturelle oder interaktionale Aspekte in Praxisphasen bislang noch weitgehend unerforscht und es fehlt eine Theorie des Lernens im Praktikum. Er zeigte auf, dass im Bundesländervergleich die Dauer und die Verortung der Schulpraxisphasen sehr unterschiedlich sind. Auch die Form der universitären Begleitung und Vergabe von ECTS-Punkten weichen deutlich voneinander ab. Trotz intensiver Forschungsaktivitäten gibt es zwar aktuell steigende Zahlen, jedoch nur insgesamt wenige wissenschaftliche Publikationen zu diesem Themenfeld.

Berufliche Relevanz der Praxisphasen

Prof. Gröschner stellte dar, dass in der Bildungsforschung mit Perspektive auf Studierende das Praxissemester häufig auf das Thema „Unterrichten“ beschränkt wird. Außerdem werde es oft bei der Vorstellung von Studierenden „je mehr ich unterrichte, desto besser werde ich“ belassen und weitere wesentliche Aspekte wie Elternberatung, Beurteilungen, Erziehen oder Innovieren kommen in Forschungsfragen nur selten vor. Doch, wie relevant sind die Praxisphasen für den späteren Beruf, für die Unterrichtsqualität und den Lernerfolg der Schüler*innen wirklich? Prof. Gröschner zeigte auf, dass neue Forschungsergebnisse darauf hinweisen, dass der Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern stark von der Qualität und der Kooperation zwischen Lehrpersonen an der Schule abhängig ist. Die Anzahl der gehaltenen Unterrichtsstunden hingegen, hat dabei keinen so starken Einfluss auf die Effektivität des Unterrichtens wie es oft vermutet wird.

Videofeedback als Lernchance

Prof. Gröschner stellte anschließend vor, wie derzeit im “Learning-to-teach-Lab: Science“ an der Universität Jena – u.a. mit der Einführung eines online-basierten Videofeedbacks zum Lehrer*innenhandeln als effektiver Methode zum Lernen im Praktikum – ein neuer Lernort im Praktikum etabliert wird. Beim online-basierten Videofeedback handelt es sich um eine 5-10-minütige Videosequenz, die während der Unterrichtsstunde im Praktikum aufgenommen wird und anschließend durch Feedback der Kommilitonen*innen, Studierenden, Dozierenden, Bildungswissenschaften und Fachwissenschaften in einem Online-Tool diskutiert wird. So können mit geringem Aufwand Rückmeldungen aus den verschiedenen Perspektiven einer Unterrichtssequenz gegeben werden.

Insgesamt zog Prof. Gröschner das Fazit, dass berufsbezogene Lerngelegenheiten auch ohne Druck in laborähnlichen Formaten erfolgen sollen, da diese als Erfahrungsraum dienen. Schulische Praxis allein reicht im Praktikum nicht aus – sie sollten mit einer intensiven Lernvor- und nachbereitung einhergehen.

Kooperation in der Praxisphasenbetreuung in Freiburg

Im Anschluss an den Vortrag von Prof. Gröschner, brachte Oberstudienrätin Dr. Mahler-Müller ihre Sichtweise auf die Lerngelegenheit Praktikum in Freiburg ein. Sie ist seit 20 Jahren als Lehrerin tätig, aktuell an der Hochschulpartnerschule Gymnasium Kenzingen und im Studienseminar. Sie verdeutlichte ihren Wunsch nach einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Schulen, Staatlichen Seminaren und Hochschulen, um die Kohärenz im System der Lehrer*innenbildung zu stärken. Insbesondere eine sinnvolle Verbindung von fachwissenschaftlichem und fachdidaktischem Wissen mit dem nötigen Handlungswissen in der Ausbildung ist eine große Herausforderung bei der in Phasen getrennten Ausbildung. FACE und das Praxiskolleg arbeiten genau an dieser Schnittstelle, um die Professionalisierung von Lehrkräften zu befördern.

In der anschließenden Diskussion mit den Teilnehmenden aus allen Bereichen der Lehrer*innenbildung wurden intensiv die aktuellen Herausforderungen diskutiert.

 

Mirjam Emmering & Dr. Martina von Gehlen

Weitere Informationen

Alle Informationen, Berichte und Veranstaltungen der Ringvorlesung „Lehr- und Lernperspektiven – Impulse aus der Forschung für Schule und Unterricht“ finden Sie auf der Webseite zur Ringvorlesung.