Das Freiburger Konzept des Orientierungspraktikums: kooperativ, innovativ und kohärent

Die Umstellung auf die Bachelor-Master-Struktur im Lehramt haben die Universität Freiburg und die Pädagogische Hochschule Freiburg in einer engen Kooperation dazu genutzt, um ein gemeinsames Konzept zum Orientierungspraktikum (OSP) zu entwickeln. Im Fokus der Entwicklung stand dabei die systematische Verknüpfung von bildungswissenschaftlichen Erkenntnissen und schulpraktischen Erfahrungen. Zur Anbahnung und Unterstützung von Professionalisierungsprozessen bei den Lehramtsstudierenden wurden Aufgaben und Materialien erstellt, die es ermöglichen, eine forschend-distanzierte Haltung zu erlebten Situationen in Schule und Unterricht einzunehmen. Ziel ist es, so frühzeitig Bezüge zwischen Wissenschaft und Praxis herzustellen und für deren Relevanz zu sensibilisieren.

Was sind die Rahmenbedingungen des Orientierungspraktikums (OSP)?

Ab dem Wintersemester 2015/16 wurde das Lehramtsstudium in Baden-Württemberg auf die Bachelor-Master-Struktur umgestellt. Für alle Lehramtsstudierenden (Primarstufe und Sekundarstufe) ist nun entsprechend der Rahmenverordnung des Kultusministeriums ein dreiwöchiges OSP verbindlich vorgeschrieben (Rahmen VO-KM 2015, MWK Baden-Württemberg). Es wird von den jeweiligen Hochschulen begleitet und verantwortet.

Das dreiwöchige OSP ist Bestandteil eines Moduls der Bildungswissenschaften bzw. der Erziehungswissenschaft und soll den Studierenden in erster Linie frühzeitig (i. d. R. in der vorlesungsfreien Zeit des ersten Semesters) die Möglichkeit geben, ihre Studien- und Berufswahlentscheidung zu überprüfen bzw. zu fundieren. Das gesamte Modul zielt auf eine bessere Verzahnung von Studium und Praxis ab, um so die Grundlagen für eine professionalisierte Lehrer*innenausbildung zu legen (Korthagen & Wubbels, 1995).

Welche Akteure sind an der Umsetzung des OSP beteiligt?

An der Universität Freiburg ist das Institut für Erziehungswissenschaft für die konzeptionelle und curriculare Ausgestaltung des OSP verantwortlich, umgesetzt wird das OSP vom Zentrum für Schlüsselqualifikationen der Universität Freiburg. Die Lehrkräfte für die Durchführung der Vor- und Nachbereitungsseminare werden von den Seminaren für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte (Gymnasium und Berufliche Schulen) gestellt.

An der Pädagogischen Hochschule Freiburg wird das OSP vom Institut für Erziehungswissenschaft und dem Zentrum für Schulpraktische Studien gemeinsam verantwortet. Die Begleitseminare werden von den Dozent*innen des Instituts für Erziehungswissenschaft ausgebracht.

Als Arbeitsgrundlage für alle Beteiligten (Studierende, betreuende Lehrkräfte, Dozentinnen und Dozenten) dient das von Pädagogischer Hochschule und Universität für das Orientierungspraktikum entwickelte Begleitheft, in dem das gemeinsame Konzept, die zu bearbeitenden Aufgaben und alle organisatorischen Informationen (z.B. Belegverfahren, Leistungsverbuchung) dokumentiert sind. Zudem gibt es ausführliche Beschreibungen und Anleitungen zu den Aufgaben.

Was sind die Ziele des OSP?

Das Orientierungspraktikum mit vor- und nachbereitender Begleitveranstaltung verfolgt drei grundsätzliche Ziele:

  1. Es dient der Überprüfung und Fundierung der Studien- und Berufswahlentscheidung durch eine intensive Beschäftigung mit den Anforderungen zentraler Tätigkeiten einer Lehrkraft. Unter zentralen Tätigkeiten einer Lehrkraft werden vor allem solche Aspekte verstanden, die zum Gelingen eines guten Unterrichts beitragen. Hierzu gehören beispielsweise Fragen stellen, Erklärungen geben oder auch der Umgang mit Unterrichtsstörungen.
  2. Es dient der angeleiteten, zugleich aber eigenständigen Erkundung der Bedeutung wissenschaftlicher Theorien und Erkenntnisse für die Ausübung zentraler Tätigkeiten einer Lehrkraft. Diesbezüglich gilt es, die erlebten Unterrichts- und Schulsituationen auf Basis der erworbenen theoretischen Kenntnisse zu beschreiben, zu analysieren und zu reflektieren.
  3. Es stellt einen ersten Schritt zur Professionalisierung im Lehrer*innenberuf dar, indem erstens eine forschend-distanzierte Haltung angebahnt wird, zweitens implizite Deutungen und subjektive Theorien über zentrale Tätigkeiten einer Lehrkraft bewusst gemacht und drittens erste Erfahrungen mit zentralen Tätigkeiten einer Lehrkraft gesammelt werden.

Um die Ziele des Orientierungspraktikums mit vor- und nachbereitender Begleitveranstaltung zu realisieren, werden grundlegende Kompetenzen in den drei Bereichen 1. Erkundung von Schule und Unterricht, 2. Beschreibung, Analyse und Reflexion von Unterricht und Schule und 3. Professionalisierung aufgebaut.

Wie läuft das OSP ab?

Zunächst besuchen die Studierenden eine Vorlesung, in der zentrale bildungswissenschaftliche Theorien und Konzepte thematisiert werden. Nach Abschluss der Vorlesung werden die Studierenden im Begleitseminar auf die Aufgaben im OSP vorbereitet. Dieses ermöglicht eine intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Vorstellungen über Lernen, Lehren, Schule und Unterricht sowie deren Auswirkung auf das eigene Wahrnehmen und Handeln (Hascher, 2011). Ein zentraler Bestandteil der Vorbereitung ist u.a. die Arbeit mit Fallbeispielen bzw. Unterrichtsvideos, über die sich die Studierenden die Grundlagen des wissenschaftlichen Beobachtens von Unterrichtssituationen aneignen sollen. Im Ergebnis starten die Lehramtsstudierenden so gut vorbereitet und wesentlich zielgerichteter ins Praktikum, als dies in früheren Orientierungspraktika der Fall war. Durch die Aufgabenstellungen, die die Studierenden während des Praktikums selbständig auswählen und dann bearbeiten, können in hohem Maße selbstregulierte Lernprozesse initiiert werden. Nach Abschluss des Praktikums werden in der Nachbereitung sowohl die gemachten Erfahrungen als auch die jeweilige Kompetenzentwicklung reflektiert und ausgewertet. Dies ermöglicht den Studierenden, zukünftige Lern- und Entwicklungsbereiche zu identifizieren. Die Studierenden dokumentieren alle Aufgaben mit Hilfe eines Portfolios bzw. an der Universität Freiburg mittels eines E-Portfolios auf der Lernplattform Ilias (Nückles 2019, Wittwer 2015).

Warum reicht Praxis allein nicht aus? („Mythos Praktikum“)

Obwohl Praktika mitunter als das „Herzstück“ in der Lehrer*innenbildung bezeichnet werden, zeigen empirische Befunde, dass eine unkritische und einseitig positive Haltung gegenüber den schulpraktischen Anteilen für eine angestrebte Professionalisierung im Studium nicht förderlich ist. Hascher spricht in diesem Zusammenhang vom „Mythos Praktikum“, der sowohl bei Lehramtsstudierenden als auch bei erfahrenen Lehrpersonen zum Tragen kommen kann (Hascher 2011, S. 8). Der Mythos besagt, dass jede praxisbezogene Erfahrung auch ohne Prüfung ihrer Qualität als wichtiger und besser eingeschätzt wird als theoretische Lerninhalte. Dies ist z.B. der Fall, wenn davon ausgegangen wird, dass die Praxis allein ausreichend für die Kompetenzentwicklung von Lehrkräften ist oder dass Theorien im Schulpraktikum keine Rolle spielen. Damit verbunden ist häufig auch die Idee, dass eine angehende Lehrkraft einfach möglichst viel unterrichten muss und so quasi automatisch eine professionelle und gute Lehrkraft wird. Natürlich ist Schulpraxis im Lehramtsstudium erforderlich, aber es ist notwendig, die Gelingensbedingungen für erfolgreiche Praktika im Sinne einer kohärenten Theorie-Praxis-Verzahnung zu reflektieren (Arnold et al. 2014). Daher steht im Orientierungspraktikum nicht das Unterrichten, sondern das wissenschaftliche Beobachten, Erklären, Analysieren und Reflektieren im Fokus.

Wie werden die Freiburger Studierenden im OSP bei der Theorie-Praxis-Verknüpfung unterstützt?

Unter Einbezug der zentralen Tätigkeiten einer Lehrkraft – der Core Practices – zielt das Freiburger Modell des OSP auf eine starke Verknüpfung von Theorie und Praxis ab, indem theoretische Modelle und Konzepte sowie Erkenntnisse aus der Forschung als Grundlage sowohl für das praktische Handeln von Lehrkräften als auch für die Reflexion über dieses Handeln herangezogen werden. Auf diese Weise findet eine Beschäftigung mit dem Unterrichten aus einer forschend-distanzierten Perspektive statt.

Theoretischer Hintergrund ist u.a. der „Core Practices-Ansatz“ nach Grossman, Hammerness & McDonald, 2009. Im Mittelpunkt stehen hier das Kennenlernen und Verstehen zentraler Tätigkeiten (core practices) des Lehrer*innenberufs sowie deren theoretische und praktische Anteile (z.B. Fragen stellen, Erklärungen geben, Klassenführung, kooperatives Lernen). Ziel ist der Erwerb einer professionsbezogenen Kompetenz (vgl. Kunter et al., 2013; Forzani 2014). Um dies anzubahnen, wurden für das OSP verschiedene Aufgabenbereiche definiert:

  • Beobachten von Schul- und Unterrichtsituationen (kriteriengeleitete sowie offene Beobachtung),
  • Unterrichtsteile unter Anleitung einer betreuenden Lehrkraft übernehmen,
  • Interviews mit Lehrkräften und Schüler*innen durchführen,
  • Reflexion von Schlüsselsituationen.

Als Instrument der Reflexion und Dokumentation dient dabei das Portfolio, welches als „Methode zur Förderung selbstgesteuerter Kohärenzkonstruktion in der Lehrerbildung“ (Nückles et al., 2019, S. 219) einen zentralen Bestandteil in der Freiburger Konzeption des Orientierungspraktikums darstellt. So führen Studierende z.B. angeleitet durch die bereitgestellten Materialien Unterrichtsbeobachtungen durch und können auf der Grundlage bildungswissenschaftlicher Kenntnisse Unterricht in seiner Komplexität wahrnehmen, beschreiben und analysieren. Im Kontext des Orientierungspraktikums ermöglicht die Bearbeitung der Aufgaben im Portfolio den Studierenden ein hohes Maß an selbstgesteuertem Lernen (z.B. durch die Möglichkeit des Auswählens von Aufgaben) sowie in Hinblick auf die Beobachtung zentraler Lehrtätigkeiten eine hohe Kohärenz zwischen Theorie und Praxis.

Wie lautet das Fazit zur bisherigen Umsetzung des Freiburger OSP-Konzepts?

Die Ausgestaltung des Orientierungspraktikums an der Universität Freiburg und der Pädagogischen Hochschule Freiburg leistet einen wichtigen Beitrag zur frühzeitigen Anbahnung einer Professionalisierung von angehenden Lehrkräften. Durch die konzeptionelle Anlehnung an den Core-Practice-Ansatz und durch die Gestaltung eines Portfolios mit vernetzenden Lernaufgaben erhalten die Lehramtsstudierenden in einem relativ kurzen Zeitraum einen umfassenden Einblick in das Tätigkeitsfeld einer Lehrkraft, nicht nur bezogen auf Unterricht, sondern auf den schulischen Kontext insgesamt. Mit Hilfe der ausführlichen Beobachtungbögen und Arbeitsunterlagen (z.B. Interviewleitaden) wurde eine deutlich höhere Kohärenz zwischen bildungswissenschaftlichen Kenntnissen und schulpraktischen Erfahrungen erreicht. Die Studierenden kommen in der Regel sehr gut vorbereitet ins Praktikum und profitieren so deutlich mehr als in früheren Praktika, bei denen kaum eine Vor- oder Nachbereitung stattfand. Die gute Vorbereitung der zu bearbeitenden Aufgaben im Praktikum trägt nicht zuletzt auch zu einer Entlastung der betreuenden Lehrkräfte an den Schulen bei.

Wie geht es weiter?

Für eine erfolgreiche Umsetzung des OSP bedarf es – trotz der erarbeiteten und erprobten Begleitmaterialien – nach wie vor inhaltlich und organisatorisch umfangreicher Absprachen zwischen den beteiligten Akteuren. Viele Prozesse im OSP erfordern weniger eine routinemäßige Herangehensweise, sondern eher ein flexibles und der jeweiligen Situation angemessenes Vorgehen. Deshalb ist es auch in Zukunft wichtig, kontinuierlich an Optimierungen im OSP zu arbeiten, neue Formate zu entwickeln und immer im Gespräch und im fachlichen Austausch mit allen Beteiligten zu bleiben.

Weiterlesen:

Erfahren Sie im Beitrag „Evaluation des Orientierungspraktikums an der Universität: alle Akteure einbinden“ mehr über den Evaluationsprozess und die Rückmeldungen zum OSP und zur Portfolioarbeit von Studierenden der Universität und betreuenden Lehrkräften der Seminare für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte (Gymnasium und Berufliche Schulen).

Literatur

Arnold, K. H., Gröschner, A., Hascher, T. (Hrsg.). (2014). Schulpraktika in der Lehrerbildung. Theoretische Grundlagen, Konzeptionen, Prozesse und Effekte. Münster: Waxmann.

Forzani, F.M. (2014). Understanding “core practices” and “practice-based” teacher education: Learning from the past. Journal of Teacher Education. 65(4), 357-368.

Grossman, P., Hammerness, K., & McDonald, M. (2009). Redefining teaching, re‐imagining teacher education. Teachers and Teaching, 15, (2), 273-289.

Hascher, T. (2011). Vom Mythos Praktikum … und der Gefahr verpasster Lerngelegenheiten. Journal für Lehrerinnen- und Lehrerbildung 3/2011, 8-16.

Korthagen, F. & Wubbels, Th. (1995). Characteristics of reflective practitioners: towards an operationalization of the concept of reflection. Teachers and teaching: theory and practice 1 (1), S. 1-72.

Kunter, M., Klusmann, U., Baumert, J., Richter, D., Voss, T., & Hachfeld, A. (2013). Professional competence of teachers. Effects on instructional quality and student development. Journal of Educational Psychology, 105(3), 805–820.

Ministerium für Kultur, Jugend und Sport Baden-Württemberg. Handreichung zum Orientierungspraktikum für die Lehrämter Grundschule, Sekundarstufe I, Sonderpädagogik, Gymnasium. Stand: 15.06.2015. https://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za242/OP/OPHandreichungRVO15.pdf. Abgerufen am 23.07.2019.

Nückles, M. et al. (2019). Das e-Portfolio in der Freiburger Lehrerbildung: Selbstgesteuerte Kohärenzkonstruktion durch vernetzte Lernaufgaben. In: Hellmann, K., Kreutz, J., Schwichow, M., Zaki, K. Kohärenz in der Lehrerbildung. Theorien, Modelle und empirische Befunde. Wiesbaden: Springer VS. S. 217-232.

Wittwer, J. et al. (2015). Kohärenz, Kompetenz- und Forschungsorientierung – zur Weiterentwicklung der Lehrerbildung am Standort Freiburg. In: Benz, Winfried (Hrsg.); Kohler, Jürgen (Hrsg.); Landfried, Klaus (Hrsg.): Handbuch Qualität in Studium und Lehre. Evaluation nutzen – Akkreditierung sichern – Profil schärfen! Teil E. Methoden und Verfahren des Qualitätsmanagements. Praxisbeispiele und Innovationen in Institutionen. Berlin: Raabe. E 9.15, S. 93-116.