FACE it: Das OSP – Orientierung oder noch mehr Verwirrung?

Wie mir das Orientierungspraktikum den Rettungsring auf rauer Schul-See zuwarf

FACE it – Lehramtsstudierende bloggen über ihr Studium in Freiburg

Karima Zauner stellt mit der Distanz, die sie nun als Studentin im Master of Education (Universität) gewonnen hat, fest: Sie fühlte sich im Orientierungspraktikum „in keinster Weise „bereit“ dafür, vor einer Klasse zu stehen“, sondern „ins kalte Wasser geworfen“. Doch das hatte letztlich auch etwas Gutes: „Ich kann zwar nicht behaupten, in drei Wochen plötzlich schwimmen gelernt zu haben, aber ich weiß nun, wo der Rettungsring ist.“

OSP – diese drei magischen Buchstaben waren zu Beginn des Lehramtsstudiums in aller Munde. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, fällt mir erst einmal ein Stichwort ein: Prokrastination. Im Gegensatz zum Löwenanteil aller Lehramtsstudierenden hatte ich, frisch von der Schule an die Uni gekommen, erst einmal wenig Lust auf noch mehr Schule. Ich wollte das Uni-Leben in vollen Zügen auskosten. Daher tat ich, was Studierende in der Regel sehr gut können: Ich schob das Orientierungspraktikum erstmal vor mir her, bis ich im 3. Semester mehr oder weniger genötigt war, wieder in die Schule zu gehen.

Von der eigenen Schulzeit in vielerlei Hinsicht geprägt, kam da im ersten Moment eine bunte Mischung an Empfindungen und Erinnerungen hoch. Die Distanz zur eigenen Schulzeit, zur eigenen Rolle als Schülerin oder Schüler, die ist gar nicht so einfach herzustellen. Im Bachelorstudium an der Uni Freiburg ist das Orientierungspraktikum im ersten Semester vorgesehen. Doch da ist man eigentlich selbst noch mehr Schülerin bzw. Schüler als Studierender – man beschäftigt sich hauptsächlich mit der Orientierung im Biotop Hochschule. Wie soll man zu dem Zeitpunkt simultan auch die Rolle eines Beobachters, halb Studierende*r, halb sogar schon Lehrkraft, einnehmen?

Nach erfolgreichem Aufschieben ist es dann doch irgendwann so weit: Ich drücke wieder die Schulbank. Erst einmal fühle ich mich in dieser Rolle des Beobachters nicht sehr wohl. Ich bin allen fremd bin – mir ist alles fremd. Wer ist diese Person, die da noch zusätzlich bei uns im Klassenzimmer sitzt, denken sich die Schülerinnen und Schüler. Was denken die wohl von mir, denke ich über die Schülerinnen und Schüler, aber auch über die Lehrkräfte. Anders als von der Universität vorgegeben, sehe ich mir nicht nur fächerspezifischen Unterricht an. Ich will auch verstehen, wie die Theater-AG funktioniert, wer im Latein-Vertiefungskurs sitzt und wie im Französischunterricht mit der Sprachassistentin gearbeitet wird.

Schnell bemerke ich, dass es in der Schule um viel mehr als fachspezifisches Wissen geht. Lehrkräfte erzählen mir von den Problemen der Schülerinnen und Schüler, ich bespreche den Umgang mit Privatsphäre und Distanz einerseits mit Lehrkräften, aber auch mit Schülerinnen und Schülern. Und so genieße ich es sogar irgendwie, so zwischen den Stühlen zu sitzen, mir wird aber auch klar, dass ich in Zukunft einen Stuhl für mich möchte. Es bestätigt sich das Gefühl, dass ich mich im Schulkontext zuhause fühlen will, ich will dazugehören zu diesem Alltag, der zu jenem Zeitpunkt manchmal undurchsichtig erscheint.

Doch irgendwie genieße ich die Rolle als Beobachterin auch. Einerseits vertrauen mir die Schülerinnen und Schüler, von denen einige nicht viel jünger sind als ich. Ich erfahre also von Dingen, die sie vielleicht Lehrkräften nicht anvertrauen würden. Andererseits genieße ich den Schutz des Kollegiums im Lehrerzimmer – „Wenn du Fragen oder Probleme hast, kannst du dich immer melden“, so lautet der Grundkonsens bei allen. Während allgemein eine positive und offene Atmosphäre vorherrscht, wollen einige Lehrkräfte gleichzeitig auch Hierarchien aufzeigen. „Naja, ich weiß nicht ob du dafür bereit bist.“ – Kritik, die ich zu jenem Zeitpunkt sehr persönlich nehme.

Doch mit der Distanz, die ich aus heutiger Sicht gewonnen habe, sehe ich, wie berechtigt sie damals war. Einige Male in diesen drei Wochen stehe ich auch vor der Klasse. Es mangelt mir an fachlicher, aber auch persönlicher Kompetenz, und ich fühle mich in keinster Weise „bereit“ dafür, vor einer Klasse zu stehen. Doch genau das ist es, was ich aus dem Orientierungspraktikum mitgenommen habe: Der Umgang mit Überforderung, mit dem Sich-Nicht-Bereit-Fühlen, und der Umgang mit Situationen, die Improvisation erfordern. Das Orientierungspraktikum hat mich sozusagen ins kalte Wasser geworfen. Ich kann zwar nicht behaupten, in drei Wochen plötzlich schwimmen gelernt zu haben, aber ich weiß nun, wo der Rettungsring ist.

 

Karima Zauner
1. Fachsemeser, Master of Education (Universität)

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