Dr. Stefanie Giebert: Lehrpläne, Noten und ein Raum voller Tische: Kein Platz für Drama im Klassenzimmer?

Praxiskolleg Ringvorlesung WS 19/20 „Theater und Schule“ am 31.10.2019

„Sneaking in some drama“ – Der Berufsalltag von Lehrkräften lässt wenig Raum für den Einsatz von dramapädagogischen Methoden. In der Ringvorlesung am 31. Oktober 2019 resümierte Dr. Stefanie Giebert, Lehrerin für Fachenglisch und Deutsch als Fremdsprache, wie sie es schafft, trotz Widrigkeiten Dramapädagogik in den Unterricht zu integrieren. Die Vortragende beeindruckte die Zuhörenden mit lebhaften Beispielen aus der Unterrichtspraxis und zeigte zudem die Herausforderungen, auf die sie gestoßen ist.

Dr. Stefanie Giebert beschäftigt sich seit ihrer Studienzeit mit Theaterprojekten und seit 2009 befasst sie sich mit Dramapädagogik im Fremdsprachenunterricht. Bis 2016 leitete sie das Business English Theatre an der Hochschule in Reutlingen. Heute arbeitet sie als Lehrkraft für Fachenglisch und Deutsch als Fremdsprache an der Hochschule Konstanz für Technik, Wirtschaft und Gestaltung. Im Unterschied zu ihrer eher produktorientierten Arbeit mit den Studierenden im Theater-Kurs in Reutlingen, wo für eine abschließende Aufführung geprobt wurde, liegt ihr Fokus in Konstanz gänzlich auf der Anwendung dramapädagogischer Methoden im Zusammenhang mit Unterrichtsinhalten im Bereich Deutsch als Fremdsprache (DaF) am dortigen Studienkolleg.

Das Potential der Dramapädagogik im Fremdsprachenunterricht ist groß

Im ersten Teil des Vortrags erläuterte Giebert warum sie selbst eine Verfechterin der Dramapädagogik ist. Im Sinne des ganzheitlichen Lernens ermöglicht Dramapädagogik den Studierenden sich nicht nur kognitiv, sondern auch körperlich und emotional weiterzubilden und fördert vor allem die Sprechkompetenz in der Fremdsprache. Studierende erleben im Spiel einen Perspektivwechsel und entdecken neue Sichtweisen auf sich selbst und die anderen. Die Studierenden müssen im wahrsten Sinne über ihren Schatten springen. Das Annehmen einer Rolle bietet den Studierenden den nötigen Schutz sich auszuprobieren und verhindert, dass sie persönlich angegriffen werden können.

Die mündliche Sprachkompetenz ist Giebert wichtig, auch wenn die Studierenden am Studienkolleg in der Abschlussprüfung nur auf ihre schriftlichen Kompetenzen geprüft werden. Die fachlichen Anforderungen beziehen sich auf Sachtexte und wissenschaftssprachliche Strukturen. In diesem Kontext habe sie noch keine empirischen Beweise dafür, dass Dramapädagogik direkte positive Auswirkungen auf die Lernfelder Wortschatz, Grammatik und Leseverstehen habe. Aber Dramapädagogik funktioniert für sie als Erweiterung des stark kopflastigen Unterrichts um emotionale und körperliche Aspekte.

Herausforderungen für die Lehrkraft

In einer Online-Umfrage sammelte die Referentin die Schwierigkeiten, die 50 Lehrkräfte mit der Dramapädagogik hatten. Die Lehrkräfte beklagten den Mangel an Fantasie der Studierenden, der neben Zeitknappheit und den beengten Räumen ausschlaggebend war. Problematisch sei auch, dass bei bestimmten dramapädagogischen Formaten ein Teil der Klasse nur zuschaue und sich nach der sechsten Präsentation dann doch langweile.

Beispiele aus der Praxis

„Sneaking in some drama“ – Giebert hat in ihrer eigenen Klasse mit Mikroformen von Theater begonnen und steigt im weiteren Verlauf eines Semesters zu größeren Formen um. Es geht am Anfang erstmal darum die Studierenden in Bewegung zu bringen. Je nach Gruppendynamik funktionieren ihre Methoden besser oder schlechter. Manche ihrer Studierenden wollten „cool“ sein und zeigten von daher einen gewissen Widerstand gegen spielerische Aufgaben, so Giebert.

Beispielsweise aber sehr gut funktioniere die Methode „Erfindermesse“ bei ihren Studierenden. Bei der Erfindermesse werden Wörter wie Staubsauger und Kühlschrank getrennt und neu zusammengesetzt. Es entstehen Maschinen mit den Namen Kühlsauger oder Staubschrank. Aufgabe der Studierenden ist es dann, Baupläne zu zeichnen und ihre Erfindungen zu beschreiben. Die Erfindermesse eigne sich hervorragend, um Passivkonstruktionen und technisches Vokabular zu üben. Giebert macht auch jedes Jahr ein Semesterabschlussprojekt mit den Studierenden, in dem sie eine Folge einer fiktiven Serie schreiben und aufführen müssen. Als Vorgabe gibt sie die Erfindung von Charakteren, die grammatikalischen Strukturen, die verwendet werden müssen, und dass es ein Technikproblem geben muss. Beliebt seien bei den Studierenden dabei Settings wie Zeitreise oder auch apokalyptische Szenarien.

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Das Problem mit der Notengebung

Nach dem Einblick in die Unterrichtsinhalte schloss sich die Frage an: Wie bewertet man Dramapädagogik? 15 der von Giebert online befragten Lehrenden sagten sie bewerten nie, 24 bewerten manchmal und 8 häufig. An diese Frage schließt sich die nächste Frage an: Was wird bewertet? Sollen Originalität, Umsetzung, Teamarbeit, oder Elemente wie Programmhefte oder Lerntagebücher bewertet werden? Giebert bewertet in ihrem Abschlussprojekt zum Beispiel die Szenenskripte, hier sowohl sprachliche und auch nichtsprachliche Aspekte.

Fazit der sich anschließenden Diskussion, in der die einseitig kognitiv ausgerichteten Lehrpläne vieler Hochschulstudiengänge kritisiert wurden, die durch kreative Ansätze sinnvoll ergänzt werden könnten, war das Zitat einer von Giebert befragten Lehrkraft auf die Frage, was sie zum Einsatz von Dramapädagogik motiviere. Das Zitat legt aber auch nahe, dass die Entscheidung für Drama als Lehrmethode durchaus eine Typfrage ist: “Maybe what motivates me to use drama is the fact that I am unable to teach without it.”

(Damaris Stein)

Literaturverweise

Fleming, Mike. “Drama and Language Teaching: The Relevance of Wittgenstein’s Concept of Language Games.” Humanising Language Teaching, vol. 8, no. 4, July 2006, http://old.hltmag.co.uk/jul06/index.htm.

Giebert, Stefanie. (2019). „Drama Elements in Teaching Academic Language – a Teacher‘s Critical Reflection“. In Stefanie Giebert und Eva Göksel (Hrsg.), Dramapädagogik-Tage 2018/Drama in Education Days 2018 – Conference Proceedings of the 4th Annual Conference on Performative Language Teaching and Learning (S. 72-81). https://dramapaedagogik.de/wp-content/uploads/proceedings2018/final.pdf

Giebert, Stefanie. “Kühlsauger & Co: Performative Fremdsprachendidaktik in Technischen Studiengängen.” Scenario – Journal for Drama and Theatre in Foreign and Second Language Education, no. 2, 2018, pp. 79–82. http://research.ucc.ie/scenario/2018/02/Giebert/13/de

Giebert, Stefanie. “Jeans Stories – Staging Globalisation.” ETAS Journal, vol. Special Supplement: Drama and Theatre in Education, no. 35/2, 2018, pp. 24–25.

Schewe, Manfred. “Taking Stock and Looking Ahead: Drama Pedagogy as a Gateway to a Performative Teaching and Learning Culture.” Scenario, vol. 2013, no. 01, Jan. 2019, http://publish.ucc.ie/scenario/2013/01/Schewe/02.