Dr. Simon Trüb: Suzan-Lori Parks’s Daily Plays

Praxiskolleg Ringvorlesung WS 19/20 „Theater und Schule“ am 07.11.2019

Am dritten Abend der Ringvorlesung des Praxiskollegs in der School of Education FACE widmete sich Dr. Simon Trüb der faszinierenden Autorin Suzan-Lori Parks und holte ihr Verständnis von Theater und Kunst in den Vorlesungssaal. Die vielleicht wichtigste Botschaft des Vortrags war: Jeder Mensch besäße einen Zugang zur Kreativität. Der Zugang dazu könne aber durch den eigenen inneren Kritiker blockiert werden.

Dr. Simon Trüb begann seinen Vortrag mit einer kurzen Vorstellung der US-amerikanischen Schriftstellerin und ihren Werken. Suzan-Lori Parks erhielt im Jahr 2002 den Pulitzer-Preis für Theater für das Stück Topdog/Underdog. Im November desselben Jahres fasste sie den Entschluss ab sofort jeden Tag ein Theaterstück zu verfassen – ein ganzes Jahr lang. Ihr Buch 365 Plays/365 Days besteht aus 365 Theaterstücken, die eine Welle durch die Theaterlandschaft ziehen. Mit dem Vorsatz jeden Tag ein kleines Theaterstück zu schreiben begann für Parks der Kampf gegen ihren inneren Kritiker, der die Türen der Kreativität störrisch bewacht. Doch Trüb legte dar, dass Parks die „One play a day”-Herausforderung als eine Art zu meditieren sah. So fragte sich Parks jeden Tag selbst: „So whats the play? And I wrote what came…”.

Dr. Simon Trüb ist seit 2017 am Englischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg beschäftigt. Dort forscht er überwiegend über den amerikanischen und britischen Modernismus, Poesie, kontinentale Philosophie und über das amerikanische Drama des 21. Jahrhunderts.
Bevor der gebürtige Schweizer nach Freiburg kam, schrieb er seine Doktorarbeit über epische Poesie nach 1945 an der Universität in Edinburgh.

Radical Inclusion – den inneren Kritiker in seine Schranken weisen

Im weiteren Verlauf der Vorlesung ging Dr. Trüb auf das Prinzip der radikalen Inklusion ein. 2006 sagte Parks in einem Interview, dass Radikale Inklusion für sie bedeute, dass jede Idee, sei sie noch so banal, willkommen sei. Jeder Gedanke sei es wert, ein Stück daraus zu kreieren. Dies zeige sich auch in ihren Stücken, so Trüb. Beispielsweise streiten sich in einem ihrer Stücke zwei Charaktere darüber, was denn ein Theaterstück überhaupt ausmachen würde. Es gebe Tage, an denen auch Parks keine ‚neuen‘ Ideen hatte und dies im Stück des Tages thematisiert. Dr. Simon Trüb beschreibt wie Parks dem künstlerischen Prozess freien Lauf lässt und wie für Parks das Schreiben einen spirituellen Charakter bekommt. Die Ideen, der Input kommen von allein, wenn sie gut genug hinhört. I listen to the Spirit, the spirit. It’s an active, not a passive listening.
Radikal inklusiv bedeutet außerdem, dass man Menschen miteinbeziehen muss, die man persönlich vielleicht nicht leiden kann. Das fällt den meisten Menschen schwer. Trüb verweist hier auf die Verbindung zur Demokratie, in der ebenfalls jede Stimme gehört werden muss. Parks spricht sich in ihrem Konzept von Kunst gegen den Populismus aus, der die Gesellschaft in zwei Lager aufteilt: wir und die anderen.

Geschichte schreiben, während sie passiert

Dr. Simon Trüb erläuterte außerdem, dass Parks mit ihren Texten die reale Welt einfange und eine Momentaufnahme von ihr mache. Dies lässt sich eindrücklich an ihrem Werk 100 Plays for the First Hundred Days sehen, welches die Schriftstellerin in den ersten hundert Tagen von Trumps Präsidentschaft verfasste. Auch hier reichen die Stücke weit über ihr geschriebenes Wort hinaus. Trüb hob hervor, dass die Leserinnen und Leser beim Lesen aktiv werden wollen. Zum Beispiel schrieb Parks darüber, dass am 08. März 2017 (am Internationalen Frauentag) die Lichter der Freiheitsstatue erloschen seien. Parks schrieb dazu „Google it if you don’t believe it.“ und Trüb gab zu, dass er gegoogelt hat. Ihre Stücke behandeln historisch wichtige Momente und füllen Lücken in der Geschichte, die durch einseitige Geschichtsschreibung aufkommen, zum Beispiel die Afroamerikanische Perspektive, so Trüb. Geschichte ist nicht automatisch ‚radikal inklusiv‘, aber Parks schreibt Geschichte ‚radikal inklusiv‘.

Diskussion

In der anschließenden Diskussion stellte sich die Frage, wie Radikale Inklusion im Bereich der Schule verwendet werden kann. Für Schülerinnen und Schüler könnte es hilfreich sein, sich das Bild eines eigenen inneren Kritikers vorstellen zu können, um damit zum Beispiel gegen Schreibblockaden oder Ängste anzukämpfen. Parks bietet für die Schule eine erfrischende Sichtweise auf Drama, die sicherlich Anklang finden wird.

(Damaris Stein)

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