Lehramtsstudierende als Expert*innen und Kolleg*innen in einer Weiterbildung für Lehrkräfte

Lehrpreis 2019/2020 an der Pädagogischen Hochschule Freiburg

Im Juli 2019 besuchten Lehramtsstudierende und Lehrkräfte der Sekundarstufe I die Fortbildung „Lehren und Lernen mit digitalisierten Quellen im Fach Geschichte“ der School of Education FACE. Das Besondere: Im Fokus stand der kollegiale Austausch auf Augenhöhe. Traditionell hierarchische Strukturen wurden aufgebrochen, um die jeweiligen Kompetenzen der Teilnehmenden für beide Seiten gewinnbringend zu vereinen. Für dieses innovative Lehrprojekt zur phasenübergreifenden Geschichtslehrer*innenbildung erhielt die Referentin Dr. Jessica Kreutz nun den internen Lehrpreis 2019/20 der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Ziel des Lehrprojektes war die Schaffung einer kollegialen Arbeitsgemeinschaft zwischen angehenden Lehrkräften der hochschulischen Ausbildungsphase und den bereits im Beruf etablierten Lehrpersonen im Fachbereich Geschichte. Traditionell hierarchische Strukturen wurden aufgebrochen, um die jeweiligen Kompetenzen der Teilnehmenden für beide Seiten gewinnbringend zu vereinen. Anders als in den hochschulischen Praktika traten Lehramtsstudirende den Lehrkräften mit Expertise gegenüber: Der Austausch war daher weniger einseitig als vielmehr von doppelseitigem Nutzen. Dieses Konzept bietet im Sinne einer Community of Practice nicht nur den Lehramtsstudierenden die Chance, ihr theoretisch erworbenes Wissen praxisorientiert anzuwenden und zu reflektieren, sondern ermöglicht auch den Lehrkräften, an den aktuellen geschichtsdidaktischen Forschungen und Entwicklungen an den Hochschulen teilzuhaben und mithilfe der Studierenden in der eigenen Schulpraxis zu reflektieren und gegebenenfalls anzuwenden.

Anliegen des Lehr-Lern-Projektes war ein Plädoyer, das Potenzial der Hochschulen über die eigenen Studierenden im Fortbildungsbereich der Lehrkräfte gewinnbringend zu nutzen, die schulische Reichweite von fachdidaktischer Forschung auszuschöpfen und den Lehramtsstudierenden zugleich eine weitere Möglichkeit einer schulpraktischen Erfahrung zu bieten. Sowohl die Rückmeldungen der am Lehrprojekt teilnehmenden Studierenden und Lehrkräfte als auch der Erhalt des diesjährigen Lehrpreises bestätigen, dass es lohnenswert sein kann, das eher traditionelle Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden im Sinne einer professionsorientierten Lehrerbildung aufzubrechen.

Zur Person

Portraitfoto Dr. Jessica KreutzDr. Jessica Kreutz ist Akademische Rätin am Seminar für Didaktik der Geschichte  an der Goethe-Universitätin Frankfurt am Main mit Lehrangebot zur Geschichte des Mittelalters und zur Geschichtsdidaktik. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Profession und Kohärenz in der Geschichtslehrkräfteausbildung, Digitales Lehren und Lernen, Empirische Lehr-Lern-Forschung (Fachbereich Geschichte).

Sie ist Mitherausgeberin der Freiburger Sammelbände „Professionsorientierung in der Lehrerbildung – Kompetenzorientiertes Lehren nach dem 4-Component-Instructional-Design-Modell“ und „Kohärenz in der Lehrerbildung – Theorien, Modelle und empirische Befunde“.

Auszug aus der Publikation

Dr. Jessica Kreutz hat der School of Education FACE Auszüge aus ihrer Publikation „Lehramtsstudierende als Expert*innen und Kolleg*innen in einer Weiterbildung für Lehrkräfte. Phasenübergreifende Geschichtslehrer*innenausbildung“ zur Verfügung gestellt.

Mehr Profession bitte!

Die Lehrer*innenbildung rückt durch das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt Qualitätsoffensive Lehrerbildung (wieder) verstärkt in den bildungspolitischen Diskurs (BMBF, 2013, 2015, 2018a). Schlagworte des Förderprogramms sind Kohärenzschaffung, Professionsorientierung und Kompetenzförderung sowie Qualitätsverbesserung der hochschulischen Ausbildung durch eine stärkere Theorie-Praxis-Verzahnung. Die Förderkriterien identifizieren zugleich das Verständnis der Projektinitiatoren von einer qualitätsvollen Lehrer*innenbildung: Hervorgehoben werden u.a. die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen den lehrkräftebildenden Institutionen, die Abstimmung von fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Inhalten und die Stärkung der Fachdidaktik, die auch die Schulwirklichkeit einbezieht (vgl. BMBF, 2013, S. 3f.). Diese Richtlinien betreffen aber nicht nur die Integration von schulpraktischen Elementen in die hochschulische Ausbildungsphase. Hierzu zählen auch Optionen, alle Phasen der Lehrer*innenbildung (Lehramtsausbildung, Vorbereitungsdienst, Lernen im Beruf) miteinander zu vernetzen. Gegenstand des Lehr-Lern-Projekts war die Frage, wie eine solche kohärenzorientierte und phasenübergreifende Vernetzung im Sinne einer qualitätsvollen Lehrer*innenbildung in der praktischen Umsetzung funktionieren kann.

Theoretische Rahmung

Kohärenz als Qualitätsmerkmal
Das im Rahmen von FACE (Freiburg Advance Center of Education) entwickelte Säulen-Phasen-Modell der Kohärenz beschreibt den Professionalisierungsprozess von Lehrkräften. Die vier Phasen des Modells spiegeln im Sinne lebenslangen Lernens alle potenziellen Abschnitte des Professionalisierungsprozesses von angehenden und berufstätigen Lehrkräften wider. Das Modell versteht sich als ein potenzieller Raum, in dem kohärenzfördernde, d.h. sinnbildende Strukturen, Programme, Formate, Lehr-Lern-Gelegenheiten oder Kooperationen verortet werden können (Hellmann, Kreutz, Schwichow & Zaki, 2019). Im hier vorzustellenden Lehr-Lern-Projekt wurden sowohl die Säulen  als auch die Phasen  des Modells im Sinne einer kohärenten Lehrer*innenbildung vernetzt.
Abbildung 1: Das Freiburger Säulen-Phasen-Modell der Kohärenz (Kreutz, 2020, S.555)
Abbildung 1: Das Freiburger Säulen-Phasen-Modell der Kohärenz (Kreutz, 2020, S.555)
Säulenübergreifende Kohärenz

Im Sinne einer säulenübergreifenden Kohärenz wurden im ersten Abschnitt dieses Projektes fachwissenschaftliche, fachdidaktische, bildungswissenschaftliche sowie schulpraktische Kompetenzen gemäß einer professionellen Handlungskompetenz (vgl. Baumert & Kunter, 2006, S.482) miteinander verknüpft. Insbesondere lag der Fokus auf der Verknüpfung von Methoden und Verfahren der Geschichtswissenschaft mit denen der Geschichtsdidaktik (vgl. Handro, 2015, S.27; Sandkühler, 2016).

Phasenübergreifende Kohärenz

Das Lehr-Lern-Projekt verknüpfte neben den einzelnen Ausbildungssegmenten der Lehrer*innenbildung auch einzelne Ausbildungsphasen miteinander (vgl. Abb. 1). Die Vernetzung von Ausbildungsphase der Studierenden und Fortbildungsphase der Lehrkräfte ist neben den curricular verankerten Schulpraktika eine weitere gewinnbringende Möglichkeit, Akteur*innen der Lehrer*innenbildung in einen praxisnahen Dialog zu bringen. Die Studierenden wurden im Rahmen des vorbereitenden Seminars aktiv in die Planung der Lehrer*innenfortbildung eingebunden, indem sie erklärende Graphiken erstellten, inhaltliche Schwerpunkte wählten und konzeptionelle Anregungen lieferten. Die im Seminar entstandenen Lernprodukte wurden bei der Lehrer*innenfortbildung von den Studierenden in Form von Kurzreferaten präsentiert. Die Studierenden wurden so zu Ansprechpartner*innen und Ratgeber*innen für die Lehrkräfte.

Perspektivenwechsel
Um die Studierenden beim Erwerb von geschichtswissenschaftlichen, geschichtsdidaktischen, bildungswissenschaftlichen und schulpraktischen Kompetenzen zu unterstützen, wurden die Kompetenzbereiche für die Studierenden über so genannte Aufgabenklassen (AK) sichtbar gemacht (vgl. Abb. 2). Die Aufgabenklassen dienten nicht nur der Transparenz der Leistungsanforderungen, sondern symbolisierten auch den damit verbunde-nen Perspektivenwechsel, den die Studierenden während des Projektes einnahmen.
Abbildung 2: Zusammenhang von Lernaufgabe, Aufgabenklassen (AK) und Kompetenzorientierung (Kreutz, 2020, S.557)
Abbildung 2: Zusammenhang von Lernaufgabe, Aufgabenklassen (AK) und Kompetenzorientierung (Kreutz, 2020, S.557)

Weitere Informationen

Zur Publikation

Blog-Beitrag: Gelungene Zusammenarbeit von Lehrkräften und Studierenden in der FACE-Lehrkräfte-Fortbildung „Lehren und Lernen mit digitalisierten Quellen im Fach Geschichte“

Interner Lehrpreis der Pädagogischen Hochschule Freiburg

Literatur

Baumert, J., & Kunter, M. (2006). Stichwort: Professionelle Kompetenz von Lehrkräf-ten. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 9 (4), 469–520.

BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) (2013). Bund-Länder-Verein-barung über ein gemeinsames Programm „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ ge-mäß Artikel 91b des Grundgesetzes. Zugriff am 05.12.2019. Verfügbar unter: https://www.gwk-bonn.de/fileadmin/Redaktion/Dokumente/Papers/Bund-Laender-Vereinbarung-Qualitaetsoffensive-Lehrerbildung.pdf

BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) (2015). Kurzbeschreibung aller ausgewählten Projekte der 1. Förderphase. Zugriff am 05.12.2019. Verfügbar unter: https://www.qualitaetsoffensive-lehrerbildung.de/files/KurzbeschreibungenQLB_erste_Foerderphase_barrierefrei.pdf.

BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) (2018a). Eine Zwischenbilanz der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“. Erste Ergebnisse aus Forschung und Praxis. Zugriff am 05.12.2019. Verfügbar unter: https://www.qualitaetsoffensive-lehre rbildung.de/files/BMBF-Zwischenbilanz_Qualitaetsoffensive_Lehrerbildung_barrierefrei.pdf.

Handro, S. (2015). Historische Erkenntnisverfahren. In H. Günther-Arndt & S. Handro (Hrsg.), Geschichtsmethodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II (S. 24–43). Berlin: Cornelsen.

Hellmann, K., Kreutz, J., Schwichow, M., & Zaki, K. (2019). Kohärenz in der Lehrer-bildung. Theorien, Konzepte und empirische Befunde. Wiesbaden: Springer VS.

Kreutz,J. (2020). Lehramtsstudierende als Expert*innen und Kolleg*innen in einer Weiterbildung für Lehrkräfte. Phasenübergreifende Geschichtslehrer*innenausbildung, in: HLZ – Herausforderung Lehrer*innenbildung, 3(1), 553 – 564.

Sandkühler, T. (2016). Geschichtsdidaktik und Geschichtswissenschaft. In M. Sauer, C. Bühl-Gramer, A. John, A. Schwabe, A. Kenkmann & C. Kuchler (Hrsg.), Geschichte im interdisziplinären Diskurs. Grenzziehungen – Grenzüberschreitungen – Grenzverschiebungen (S. 415–433). Göttingen: V & R unipress.