apl. Prof. Dr. Hanna Klessinger: Tendenzen des deutschsprachigen Gegenwartstheaters – Stücke und Inszenierungen

Praxiskolleg Ringvorlesung WS 19/20 „Theater und Schule“ am 09.01.2019

Die Ringvorlesung mit apl. Prof. Dr. Klessinger bot einen Einblick in das deutschsprachige Gegenwartstheater. Im Verlauf der Vorlesung zeigte Klessinger anhand von Beispielausschnitten bekannter Regisseur*innen und Dramatiker*innen die Tendenzen des Gegenwartstheaters von der „Postdramatik“ und dem „Diskurstheater“ bis zum „Neuen Realismus“ auf.

Gegenwartstheater – was ist das?

Der etwa von René Pollesch, einem einflussreichen Regisseur der Berliner Volksbühne, geprägte Stil des postdramatischen Theaters präsentiert sich dadurch, dass ein Stück wie „Kill your Darlings“ durch direkt an das Publikum gerichtete Diskurse, nicht durch Dialoge aufgebaut ist und die Kulisse, die Handlungen und die Musik nicht direkt als Unterstreichung der Handlung dienen, sondern eine eigene Wertigkeit und ein eigenes „Zeichensystem“ entwickeln. Dabei arbeitet Pollesch bewusst Traditionen des Theaters ein und bricht mit diesen Traditionen – so ist zum Beispiel ein halbhoher Vorhang („Brecht-Gardine“) Teil der Inszenierung, nicht aber, um für einen Umbau die Bühne zu verdecken, sondern um dem Publikum eine darauf gedruckte Botschaft zu vermitteln. So wird nicht nur mit dem Medium der Stimme, sondern mit allen möglichen „modernen“ Medien im Gegenwartstheater gearbeitet.

Weiterhin ging Prof. Klessinger auf das Diskurstheater ein. Sie erläuterte, dass dies der „Versuch der Synthese der nachbrechtschen Theaterkonzepte“ sei und im weiteren Sinne auch eine Form des Gegenwartstheaters, dazu erschien von Andrzej Wirth ein gleichnamiger Aufsatz. In der vorgestellten Form des Diskurstheaters wird der ganze Text in Monologen gesprochen. Als Beispiel nannte Klessinger Nicolas Stemans „Faust“-Inszenierung auf den Salzburger Filmfestspielen.

Als eine weitere Entwicklung des Postdramas sprach Klessinger auch Elfriede Jelinek an, die 2004 den Literaturnobelpreis erhielt und seit 1977 Dramen schreibt. Sie ist durch das Drama „Ulrike Maria Stuart“ (2006) unter der Regie von Nicolas Stemann in die Thematik der Texte für die Postdramatische Bühne zu nennen. Ihr Diskurstheater „Ulrike Maria Stuart“, eine Mischung der Geschichten von Ulrike Meinhof und Maria Stuart, setzt sich aus einem 140 Seiten langen Textblock zusammen, den die Darsteller monologisch, teilweise einzeln, teilweise synchron oder asynchron sprechend, vortragen.

apl Prof. Dr. Hanna Klessinger ist außerplanmäßige Professorin am Deutschen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Ihre Forschungsschwerpunk­te liegen in der Literatur der Moderne und Gegenwart, im Gegenwartstheater und im deutsch-französischen Kultur­transfer.

Was kommt danach? Von der Postdramatik (zurück?) zum „neuen Realismus“?

Die Postdramatik und das Diskurstheater blieben nicht kritiklos, so sei der Text nicht mehr der Aktion untergeordnet und emanzipiere sich gänzlich; das Gegenwartstheater sei selbstspiegelnd und selbstbezüglich. Mit diesen Worten erklärte Prof. Klessinger ein Zitat von Bernd Stegemann:

„[…] Das Verhältnis von Drama und theatralischer Übersetzung wird aufgekündigt. Die zahlreichen Inspirationen, die von den dramatischen Formen für das Theater ausgingen, werden zurückgewiesen.

[…] Es [Das Drama] versteht sich nicht mehr als Inszenierung des dramatischen Textes, und es negiert die Struktur der dramatischen Situation für die Darstellung des Schauspielers. Das postdramatische Theater beginnt stattdessen ein emphatisches Verhältnis mit sich selbst.“ (Stegemann, 2008)

Mit diesem Zitat aus seinem Buch “Lob des Realismus” fordert Bernd Stegemann einen “neuen Realismus”, in dem “die Gesellschaft […] wieder zum Gegenstand des Theaters” wird (Stegemann, 2015), der der Kritik an der postmodernen Ästhetik mit der Vision und Rückbesinnung auf den Realismus entgegentritt.

Doch wie sieht die Wirklichkeit aktueller Dramenproduktion aus? Kümmern sich Dramatiker*innen überhaupt um diese Diskussionen und die konstruierten Gegensätze? Mit einem Beispielstück von Schimmelpfennig legte Prof. Klessinger eine mögliche Struktur des Dramas des „neuen Realismus“ bzw. „zwischen Realismus und Postdramatik“ dar. Es gibt wieder eine Handlung, sie wird in Fragmenten dargestellt und der rote Faden der Handlung wird erst mit der Entwicklung jener sichtbar. Eine Tendenz der Postdramatik ist mit der Rollenbesetzung und den Dialogen jedoch geblieben, wie im Fall von Ewald Palmentshofers „faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete“ (2009), wo sich die Rollen auf der Bühne wechseln, und sich die Darsteller selbst in die Rollen einfinden müssen. So sträubt sich zum Beispiel anfangs ein Schauspieler in die „Gretchenrolle“ hineinzuschlüpfen.

Diskussion

Im Anschluss stellte sich die Frage, ob die Postdramatik (analog zur Postmoderne) ein Versuch sei, etwas Neues zu schaffen, um schlussendlich mit der „neuen Moderne“ wieder auf die „gewohnten“ Bühnenstücke zurückzukommen. Für Prof. Klessinger ist die Postdramatik eine Form der Neo-Avantgarde, welche die Experimente der historischen Avantgarden aufnimmt und ‚institutionalisiert‘, also auf die Bühnen der Stadttheater bringt. Dies eröffnete laut Prof. Klessinger auch die Möglichkeit, neue Formen und Inszenierungen von Dramen auszuprobieren und zu entdecken.

(Isabel Künsting)

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Literaturverweise

Bernd Stegemann: Lob des Realismus. Berlin 2015.

Bernd Stegemann: Nach der Postdramatik, Theater heute 2008. H. 10, 14–21.

Andrzej Wirth: Vom Dialog zum Diskurs. Versuch einer Synthese der nachbrechtschen Theaterkonzepte. In: Theater heute 21 (1980), H. 1, S, 16–19.