Startschuss Projekt „FACE III – Berufliche Schulen“

Am 01.03.2020 ist die dritte Phase der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ mit dem Schwerpunkt „Berufliches Lehramt“ gestartet. Mithilfe der Förderung werden am Standort Freiburg in den nächsten Jahren die beruflichen Lehramtsstudiengänge in den gewerblich-technischen Fachrichtungen weiterentwickelt. Durch gezielte Maßnahmen sollen zudem mehr Studierende für die Fachrichtungen begeistert werden. Die Projektkoordinator*innen Katharina Agostini und Randolph Schöbichen schildern Ausgangssituation, Ziele und Maßnahmen des Projektes.

Die Ausgangslage

In jedem Jahr werden ca. 1.700 Lehrkräfte für die gewerblich-technischen Fachrichtungen benötigt, während nur ein Bruchteil davon derzeit an den Hochschulen ausgebildet wird
(Becker & Spöttl, 2013, S. 16)

Seitdem diese Zeilen im Jahr 2013 veröffentlicht wurden, hat sich nicht viel geändert: Deutschlandweit fehlen in beruflichen Schulen qualifizierte Lehrkräfte, vor allem Lehramtsabsolvent*innen in den Mangelfächern Metalltechnik und Elektrotechnik. Entsprechend haben Anwärter*innen für das Höhere Lehramt an beruflichen Schulen im gewerblich-technischen Bereich „nach wie vor sehr gute [] Einstellungschancen“ (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden Württemberg, 2019). Zum einen entscheiden sich nur wenige Studienanfänger*innen für ein Lehramtsstudium mit gewerblich-technischer Fachrichtung, zum anderen gibt es in diesen Lehramtsstudiengängen vergleichsweise hohe Quoten an Studienabbrüchen oder Studienfachwechseln (vgl. Wyrwal & Zinn, 2018, S. 11).
Angesichts dieser Ausgangssituation stellt sich die Frage:

Wie dem Lehrkräftemangel an den beruflichen Schulen entgegenwirken?

Die Studiengänge mit der Option auf berufliches Lehramt – eine Kooperation zwischen der PH Freiburg und der HAW Offenburg

Die Pädagogische Hochschule Freiburg bietet in Kooperation mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Offenburg seit 2003 unterschiedliche Studiengänge mit der „Option Lehramt“ im gewerblich-technischen Bereich an: Elektrotechnik/Informationstechnik plus, Mechatronik plus, Medientechnik/Wirtschaft plus, Elektrische Energietechnik/Physik plus und Wirtschaftsinformatik plus.

Das besondere „Plus“: Als Absolvent*in eines dieser Bachelor-Plus-Studiengänge besteht sowohl die Möglichkeit, als Ingenieur*in in der Industrie tätig zu werden als auch das Höhere Lehramt an beruflichen Schulen anzusteuern.

Nach einem der konsekutiven Masterstudiengänge mit dem Schwerpunkt Berufliche Bildung, die ebenfalls in Kooperation zwischen der PH Freiburg und der HAW Offenburg angeboten werden, können die Absolvent*innen mit der Berufsperspektive Lehramt in den Vorbereitungsdienst „Höheres Lehramt an beruflichen Schulen“ einsteigen (vgl. Richter, 2019, S. 8). Als dritte Option steht ihnen mit dem Masterabschluss eine akademische Laufbahn zur Wahl.

Zwei Aspekte sind für die Weiterentwicklung der Lehramtsstudiengänge in den gewerblich-technischen Fachrichtungen von zentraler Bedeutung: die strukturelle Entwicklung der Studiengänge und die Rekrutierung von Studierenden sowie die Stabilisierung ihrer Studienentscheidungen bzw. Studienverläufe, wenn sie ein solches Studium angetreten haben.

Strukturelle Entwicklung der Studiengänge

Besonders wichtig für die kooperativen Studiengänge mit dem Ziel „Höheres Lehramt an beruflichen Schulen“ ist die langfristige, transparente und zielorientierte Zusammenarbeit und regelmäßige Kommunikation zwischen allen Akteur*innen der beruflichen Lehrer*innenbildung. Neben der Kooperation zwischen den beteiligten Hochschulen sind das Seminar für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte Freiburg (Berufliche Schulen), die Praktikumsschulen und nicht zuletzt Vertreter*innen der Wirtschaft (z. B. IHK, Unternehmen) zu nennen.

Ziele dabei sind:

  • die Studieninhalte und Praxisphasen aufeinander abzustimmen,
  • Studierende gut auf das breite Tätigkeitsspektrum und die heterogene Schülerschaft an beruflichen Schulen vorzubereiten,
  • eine nachhaltige und phasenübergreifende Zusammenarbeit aller Akteur*innen der beruflichen Lehrer*innenbildung zu gewährleisten sowie
  • eine berufspraktische Nähe zu den Lehr- und Lerninhalten im Studium herzustellen.

Rekrutierung von Studierenden und Stabilisierung von Studienentscheidungen und Studienverläufen

Neue Anreize für künftige Studieninteressierte schaffen‘ lautet die Devise und so entstand die Idee, einen integrierten Pilotstudiengang mit den Fachrichtungen Metall- und Elektrotechnik zu entwickeln. Besonders attraktiv für künftige Student*innen dieses Pilotstudiengangs:

  • Sie können parallel zum Studienabschluss einen vollwertigen Berufsabschluss nach BBiG erlangen. Die Studienzeit kann verkürzt werden, da das 52-wöchige Betriebspraktikum integriert wird.
  • Eine Kombination mit einem allgemeinbildenden Unterrichtsfach wird möglich.

Zentral hierfür sind eine enge Abstimmung und Zusammenarbeit aller Akteur*innen der beruflichen Lehrkräfteausbildung sowie die Gewinnung von Unternehmen und Ausbildungsschulen, die eine entsprechend gestaltete Berufsausbildung mittragen.

Das Projekt FACE III – Strukturentwicklung und Rekrutierung im Beruflichen Lehramt

Das Projekt „FACE III – Berufliche Schulen“ setzt an beiden zuvor genannten Aspekten zur Weiterentwicklung der Lehramtsstudiengänge in den gewerblich-technischen Fachrichtungen an.

Insbesondere hinsichtlich des Ziels der strukturellen Entwicklung können die Studiengänge mit dem Ziel „Höheres Lehramt an beruflichen Schulen“ von den bereits etablierten Arbeitsstrukturen und Kooperationen im Rahmen der School of Education FACE profitieren. Die Leitgedanken der Kohärenz und Professionsorientierung, die bereits in den Freiburger Projekten in der ersten und zweiten Förderphase der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ eine zentrale Rolle einnehmen, prägen auch das Projekt „FACE III – Berufliche Schulen.

Ziele der Kernmaßnahmen im Bereich „A – Struktur“ sind:

  • Stärkung der Professionsorientierung im Beruflichen Lehramt durch:
    • Herstellung von Kohärenz auf curricularer Ebene
    • Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis
    • Etablierung der Themen Inklusion und Heterogenität

Folgende Kernmaßnahmen werden umgesetzt:

Ein Team aus Vertreter*innen der Ingenieurswissenschaften (HAW Offenburg), den gewerblich-technischen Fachdidaktiken und der Berufspädagogik (PH Freiburg) optimiert am Beispiel der beruflichen Mangelfachrichtungen Metall- und Elektrotechnik die Abstimmung zwischen den Lehrenden der Hochschulen in Freiburg und Offenburg. Die Ergebnisse fließen in die Entwicklung des Pilotstudiengangs in denselben Fachrichtungen ein (s. u., Kernmaßnahme B1).

Es ist Teil des Berufsalltags von Lehrenden an beruflichen Schulen, mit heterogenen Klassen und Schüler*innen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, teilweise auch mit Sprachbarrieren umzugehen. Deshalb erfolgt eine Verankerung von Heterogenität und Deutsch als Zweit- und Fremdsprache in den Curricula des beruflichen Lehramts. Beide Themenfelder sind an der PH Freiburg vertreten, sodass an bestehende Strukturen und Maßnahmen angeknüpft werden kann. 

Vertreter*innen von PH Freiburg, HAW Offenburg und dem Seminar für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte Freiburg (Berufliche Schulen) tauschen sich über die jeweiligen Inhalte, Lernziele und Lehr- Lernansätze aus und stimmen diese phasenübergreifend aufeinander ab. Mit einer engeren Verknüpfung von Theorie und Praxis können die Studierenden die theoretisch-wissenschaftlichen Inhalte ihres Studiums mit ihren schulpraktischen Erfahrungen in Verbindung bringen, sodass sie eine fundierte und reflektierte Handlungspraxis entwickeln können (vgl. Darling-Hammond, 2006, S. 8f.).

Mithilfe von runden Tischen und Netzwerkbildung wird die Zusammenarbeit mit allen Akteur*innen der Lehrer*innenbildung etabliert. Die Zusammenarbeit wird u. a. durch Professionelle Lerngemeinschaften gestützt, in denen handlungsleitende Ziele entwickelt werden, der Fokus auf die Lernprozesse der Schüler*innen gelegt und ein reflektierender Dialog etabliert wird. In diesem Kontext werden u. a. der Umgang mit Heterogenität/Inklusion sowie die oft mangelnden Deutschkenntnisse der Schüler*innen thematisiert.

Um dem oben beschriebenen Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen entgegenzuwirken, werden im Projekt „FACE III – Berufliche Schulen“ gezielte Maßnahmen zur Rekrutierung von Studierenden sowie zur Stabilisierung einschlägiger Studienentscheidungen bzw. Studienverläufe in den gewerblich-technischen Studiengängen mit dem Ziel „Höheres Lehramt an beruflichen Schulen“ entwickelt.

Ziele der Kernmaßnahmen im Bereich „B – Rekrutierung von Studierenden und Stabilisierung einschlägiger Studienentscheidungen bzw. Studienverläufe“ sind:

  • Behebung des deutschlandweit bestehenden Lehrkräftemangels durch:
    • neue Anreize zur Rekrutierung
    • Unterstützungsmaßnahmen für Studierende

Folgende Kernmaßnahmen werden umgesetzt:

Es wird ein integrierter Pilotstudiengang für das berufliche Lehramt in den Fachrichtungen Metalltechnik und Elektrotechnik entwickelt, in den eine vollwertige Berufsausbildung nach BBiG integriert ist, in Kombination mit einem allgemeinbildenden Unterrichtsfach. Hierfür werden Unternehmen gewonnen, die eine entsprechend gestaltete Berufsausbildung mittragen. Ebenfalls wird eine nachhaltige Zusammenarbeit mit Ausbildungsschulen etabliert, die einzelne Berufsausbildungsphasen übernehmen könnten.

Für das allgemeinbildende Unterrichtsfach kann auf die im Rahmen der School of Education FACE etablierte Kooperation mit der Universität Freiburg im Bereich des gymnasialen Lehramtes zurückgegriffen werden.

Folgende Informations- und Unterstützungsstrukturen sind geplant:

  • Den (beruflichen) Gymnasien und Berufskollegs werden regelmäßige Informationsveranstaltungen angeboten, in erster Linie für die Klassenstufen 8–10. In den Mittelpunkt gestellt wird das (soziale) Berufsbild als Lehrkraft, um verstärkt junge Frauen anzusprechen.
  • Die zu etablierende Technik-Erlebniswelt stellt primär ein „Lab of Experience“ für die Lehramtsstudierenden dar. Dort erhalten sie die Möglichkeit, neben dem Phasenmodell zur Schulpraxis die praxisnahe Gestaltung von Lehr-Lernmethoden für den handlungsorientierten naturwissenschaftlichen Unterricht (bspw. das „Experiment“) zu erproben, zu reflektieren und ggf. zu erweitern. Die Technik-Erlebniswelt ermöglicht zum einen die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen der Allgemeinbildenden Technik und der Berufsbildung und Fachdidaktik. Zum anderen werden Schüler*innen der 4. bis 8. Klasse angesprochen, sodass sich neue Chancen eröffnen, diese früh für die Natur- und Ingenieurwissenschaften zu begeistern.  
  • Im Studium wird ein gender-spezifisches Mentoringsystem eingeführt. Herangezogen wird hierfür das Konzept des Kaskadenmodells des im Rahmen der ersten und zweiten Förderphase der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ an der Universität entwickelten Lehramtsspezifischen Mentoring, in dem Mentor*innen (Lehrkräfte bzw. Studierende höherer Semester) und Mentees (Studierende unterer Semester) Erfahrungen austauschen. Für die Zukunft besteht die Möglichkeit, das Programm zu erweitern, indem ehemalige Studierende, die sich im Vorbereitungsdienst befinden, ebenfalls die Rolle von Mentor*innen einnehmen können und Master-Studierende deren Mentees sind.

Wie geht es weiter?

Das Projekt läuft bis zum Jahr 2023. Bereits im Herbst diesen Jahres dürften erste Erfolge bezüglich FACE III zu vermelden sein – wir sind sehr gespannt und halten Sie auf unserer Webseite  auf dem Laufenden!

Katharina Agostini und Randolph Schöbichen

Weitere Informationen

Webseite: „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ – 3. Förderphase Berufliches Lehramt (2020 – 2023)

Beitrag: Mentoring im Höheren Lehramt an beruflichen Schulen geht an den Start

Literaturverzeichnis

Becker, M. & Spöttl, G. (2013). Ausbildung von Berufsschullehrkräften – Anforderungen, Konzepte und Standards. Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, (2), 15–19.

Darling-Hammond, L. (2006). Constructing 21st-Century Teacher Education. Journal of Teacher Education, 57(3), 300–314. https://doi.org/10.1177/0022487105285962

Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden Württemberg (Hrsg.). (2019). Berufsziel Lehrerin/Lehrer: Künftige Einstellungschancen für den öffentlichen Schuldienst in Baden-Württemberg. Informationen für Studienanfänger/-innen zum aktuellen Studienanfängerbedarf bzw. über die erwarteten künftigen Einstellungschancen in den Lehrämtern. Verfügbar unter https://km-bw.de/site/pbs-bw-new/get/documents/KULTUS.Dachmandant/KULTUS/KM-Homepage/Artikelseiten%20KP-KM/Beruf%20Lehrkraft/20190409%20Merkblatt%20Einstellungschancen%202019_Endversion.pdf

Richter, A. (2019). Höheres Lehramt an beruflichen Schulen. Kooperative Bachelor- und Masterstudiengänge. Zeitschrift der Pädagogischen Hochschule Freiburg, 8–11.

Wyrwal, M. & Zinn, B. (2018). Vorbildung, Studienmotivation und Gründe eines Studienabbruchs von Studierenden im Lehramt an berufsbildenden Schulen. Journal of Technical Education (JOTED), 6(2).